Sonntag, 8. November 2015

Der Bestimmer


Sie wollten sich an der Straßenbahn treffen, dachte sie. Doch stand dort niemand. Sie war zwar schon etwas spät dran, aber dass er nicht mehr da war, glaubte sie auch nicht. Es stellte sich heraus, dass er an einem anderen Treffpunkt war – sie hatten sich schlichtweg missverstanden. Er war der festen Überzeugung, sie würden sich an der S-Bahn und nicht an der Tramstation treffen. Okay. Also ging sie den kurzen Weg zur S-Bahn und tatsächlich - da stand er! Voller Vorfreude, wie sich herausstellte, da er sofort versuchte, sie auf den Mund zu küssen. (Junge, komm mal runter! 1. Date und so!) Und Fakt war: das war das 1. No-Go des Abends! Nach kurzer Überlegung entschieden sie sich in Richtung Prenzlberg zu fahren und dort Essen zu gehen. Sie suchten sich einen Asiaten, setzten sich und studierten die Speisekarte. Als die Bedienung kam, sagte er: „WIR nehmen dann das und das als Menü und die und die Getränke!“ 2. No-Go: sie durfte also nicht mal entscheiden, was sie essen möchte und sie kam auch nicht zu Wort? Woraufhin sie aber fragte: „Was soll das?“ Er: „Ja, so verkürzen wir die Entscheidungszeit!“ Nach kurzer Diskussion stellte sie klar, was SIE essen wollte und bestellte letzten Endes ein Menü ihrer Wahl. Was dann folgte, war zäh wie Kaugummi: einseitige Kommunikation. Er redete und redete und sie  fragte sich, womit er wohl Luft holte.
Nach dem Essen kommt ja meist diese Situation, in der die Frau freundlicherweise ihr Portemonnaie herauskramt, in der Hoffnung, der Mann übernähme gentlemenlike die Rechnung. Sie waren nun an diesem Punkt.
Er sagte: „Ich übernehme die Rechnung…“ Wie freundlich, dachte sie, aber er fügte ein „aber“ an: „aber nur, wenn du später die Cocktails oder sonst irgendwas bezahlst!“ Spendabel, der Herr. 3. No-Go an diesem Abend. Sie nahm an, dass der Abend eigentlich nicht schlimmer werden konnte. Sie musste auf jeden Fall anfangen zu trinken, also gingen sie in eine Bar.

In der Bar die gleich nebenan war lief entspannte Musik. Sie tranken Wein, sie mehr als er, weil sie sich betäuben wollte. Er redete und redete und philosophierte über seinen Job, sein Leben, Exfreundinnen (Lieblingsthema für Frauen und erst recht beim ersten Date!) etc pp. Innerlich verdrehte sie die Augen, ihre Gedanken drifteten ab, es hätte auch nichts gebracht, sich ihn nackt vorzustellen, wahrscheinlich würde er eh in jeder Situation endlos quatschen – über sich. Er stellte keine einzige Frage an sie. Sie hörte nur zu, nickte, lächelte (freundlich und innerlich gleichgültig), trank. Den Wein hätte sie sich sparen können, er hatte sie müde gequatscht. Um ihm klar zu machen, dass sie gehen würde, gähnte sie mehr als normal, aber er schien es nicht zu begreifen. Also sagte sie ihm direkt, dass sie jetzt gern nach Hause gehen würde. Er fand das mehr als schade und bot ihr an, sie nach Hause zu bringen (logo!) da es ja schon spät war (23 Uhr!) und einer Frau, die sich nachts allein auf den Straßen von Berlin bewegt, ja etwas passieren könnte (Nee, is‘ klar…). Also zahlten sie und gingen gemeinsam aus der Bar. Er ließ sich nicht abschütteln, er rückte ihr regelrecht auf die Pelle und sie überlegte krampfhaft, wie sie ihn wohl loswerden könnte.

Die S-Bahn erwischten sie gerade so, leider musste er dieselbe Bahn nehmen wie sie. Wie auch immer der Typ darauf kam, dass heute noch was laufen würde, nahm er sie in der S-Bahn fest in die Arme, setzte erneut zu einem Kuss an, was sie schroff abwies und flüsterte ihr ins Ohr:  „Ich möchte gern mit zu dir kommen. Ich wohne doch so weit außerhalb…“ Ihr graute es und sie antwortete: „Da kann ich doch nichts dafür!“ Sie wollte einfach nur noch raus. Er war so mit sich und seinen „heißen“ Gedanken an eine noch heißere Nacht beschäftigt, dass er gar nicht merkte, wie schnell sie sich aus seiner Umklammerung befreite denn ihre Endstation lag vor ihr. Sie sprang hoch und rannte mehr oder minder aus der Bahn – heilfroh, dass er nicht hinterher kam. Ihre blitzartige Reaktion und dieser Überraschungsmoment des Entkommens aus seiner anstrengenden, überflüssigen Umklammerung hatte er nicht erwartet.

Sie meldete sich nie wieder bei ihm. Nach ein paar Tagen schrieb er sie an mit den Worten „ Na, wird wohl doch nix mit uns…?“ Und sie dachte: NO WAY!!!! Und alles, was er von ihr wußte (aufgrund der tiefgründigen Gespräche und seinen Nachfragen zu ihrem Leben. Ach nee, er hat ja den ganzen Abend einen Monolog gehalten. Geiler Typ!), war ihr Vorname. 

Vielen Dank für diese Geschichte!

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