Es begann auf einer Datingapp, in
der sie ihn entdeckte. Ein großer, sportlicher Mann mit Drei-Tage-Bart und
einem Rennrad abgebildet. Er schrieb sie zuerst an und es entwickelte sich eine
rege Unterhaltung über 2 Wochen. Er war eloquent, wissbegierig, intelligent und
hatte ein Auge fürs Detail. Seine Leidenschaft lag in der Natur, weshalb er
außerhalb von Berlin wohnte und dort oft Zeit im Wald genoss. Er war sehr
höflich und sie schrieben sich regelmäßig als wären sie gute Freunde. Deshalb
wollten sie sich auch gern einmal persönlich kennenlernen und obwohl sie nie
Nummern austauschten oder vorher telefonierten, verabredeten sie sich zu einem
ersten Date in einem sehr schönen italienischen Restaurant in Mitte, welches
sie vorschlug. Da er ihr erzählte, dass er Wein liebte, empfand sie ihren
Vorschlag als gute Wahl.
Sie fuhr mit dem Fahrrad und
stellte es in der Nähe des Restaurants ab, um dann zu schauen, ob er bereits da
war. Er fiel ihr sofort auf, da er dieses sympathische Lächeln und die großen,
blauen Augen im Gesicht trug und direkt auf sie zukam. Er war sehr leger
gekleidet: Jeans, Tshirt und Flip Flops – für einen guten Italiener eher eine
untypische Kleiderwahl, dachte sie. Da sie aber wußte, dass er sonst den ganzen
Tag über einen Anzug trug, war dies wohl mal eine willkommene Abwechslung für ihn.
Als sie die Speisekarte studierten,
freute sie sich auf eine der herrlichen Speisen und auf einen guten Drink. Er
hingegen schien etwas unentschlossen und nörgelig, weil er keinen Wein fand,
der ihm gefiel. Sie schlug spontan vor, Aperol Sprizz zu nehmen, was er dankbar
annahm. Sie waren sehr höflich zueinander und fanden sich sympathisch, doch
bald stellte sich heraus, wie unterschiedlich sie eigentlich waren. Sie
tauschten sich anfangs über Eckpunkte aus und sie fragte, ihn wann er
Geburtstag habe. In der App stand, er wäre 35. Bei dieser Frage wurde er ganz
still, dann sagte er: „Weißt du, das stimmt nicht ganz, aber ich kann es dir gern
erklären.“ Ja, sie war gespannt wie ein Flitzebogen, denn Unehrlichkeit war
etwas, was ihr gehörig missfiel, aber nun widmete sie seinen grauen Schläfen
natürlich noch mehr Aufmerksamkeit. „Weißt du, ich bin etwas älter…um genau zu
sein 40…“ (fand sie jetzt erstmal nicht weiter schlimm, er war ja nicht im Rentneralter)
„…aber würde ich mein wahres Alter angeben, würden mich nur alte Frauen
anschreiben und so kann ich vorher schon aussieben.“ Aha. Tolle Taktik.
Ansonsten zählte in seinem Leben nur die Arbeit und Umsatz. Er berichtete ihr, dass er bis zu 10 Stunden
am Tag arbeitete und dass dies auch Vorrang hatte vor Urlaub oder Freunden und
sogar einer Beziehung. Feiertage schienen auch keine Rolle zu spielen. Seine
Work-Live-Balance stellte er dadurch her, dass er jeden Tag um 6 Uhr 10 km lief
und abends nach der Arbeit meist noch Sport anhängte. Sie fragte sich, welcher
Mensch in diesem Leben überhaupt noch Platz haben sollte. Er bemerkte wohl ihre
Verwunderung und warf ein, dass er mal eine Partnerin hatte, die versuchte ihm
etwas Gutes zu tun, eine gemeinsame Unternehmung, die er abwiegelte und sich im
Nachhinein wohl darüber ärgerte, aber ändern wollte er deswegen nichts. Das
fand sie traurig. Aber er hatte sich sein Leben als Single eingerichtet. Aber
er würde es wohl begrüßen, wenn seine Partnerin die 10 km morgens mietliefe.
Ähm, nein.
Sie kamen auf das Thema
Freundschaften zu sprechen, das schien ein hartes Brot für ihn zu sein. Sie
erzählte ihm, dass sie gern mit Freunden verreise und es in diesem Jahr schon 2
Mal genutzt hatte. Das konnte er überhaupt nicht verstehen: „Sowas könnte ich
niemals. Wenn ich mit jemandem verreise, der nicht ist wie ich, würde das nie
gut gehen. Ich stelle mir immer vor, ich sitze auf einem Berg und beobachte den
Mond. Für mich ist der Mond blau. Wenn aber für jemand anderen der Mond nicht
blau ist, kann ich mit dem Menschen nichts anfangen!“ Der blaue Mond, ahja,
dachte sie, so ein Blödsinn. Sie fragte sich, woher diese komische Ansicht kam
und ob es wohl etwas mit Astrologie zu tun hatte? Also fragte sie ihn, welches
Sternzeichen er denn wäre und er antwortete: „Ich bin Löwe, und du?“ Sie antwortete ihm und plötzlich wurde er ganz still und schüttelte den Kopf. „Das geht ja mal
gar nicht!“ sagte er: „Also die beiden Sternzeichen die bringen sich überhaupt nichts!“
Ihr war gar nicht klar, dass sie ihm „irgendwas bringen“ musste und dass
Sternzeichen darüber entscheiden, ob man sich sympathisch findet oder nicht.
Sie fand es einfach nur absurd und wollte das Thema nicht weiter vertiefen.
Ansonsten hasste er noch Kino und Konzerte. Also ein sehr empathischer und
interessierter Typ.
Die einzige Gemeinsamkeit, die
sie hatten, war ihre Herkunft: beide kamen aus demselben Bundesland und konnten
hier natürlich viel austauschen. In dieser Hinsicht war also Potential
vorhanden. Der Abend neigte sich dem Ende zu. Sie zahlten getrennt und er
verabschiedete sich mit einer festen Umarmung und einem „bis bald!“
Danach hörte sie 5 Tage nichts
mehr von ihm. Ihr war es dennoch wichtig, eine Reaktion zu erhaschen und das
Kennenlernen nicht einfach auslaufen zu lassen. Also schrieb sie ihm eine
Nachricht und fragte, ob sie sich wohl nicht wiedersehen würden, was aber ok
wäre. Nur eine Reaktion wäre wünschenswert. Aber auch die lies 2 Tage auf sich
warten, dann schrieb er ihr einen ziemlich langen Text, in dem stand: „Meine
Liebe, der Abend mit dir war wunderschön, aber manchmal brauchen bestimmte
Dinge einfach Zeit, damit man sich findet und über alles nachdenkt, um in sich einzufühlen.
Man darf es nicht überstürzen. Druck hilft da auch nicht weiter. Du bist eine wunderbare Frau, ich wünsche dir
nur das Beste und vor allem Gesundheit, aber wir können uns einfach nicht
symbiotisch miteinander entwickeln und würden uns gemeinsam nicht weiterbringen.
Alles Liebe.“ Aha, Symbiose, umgangssprachlich für „den anderen Nutzen bringen.“
Nein, dazu hatte sie nun wirklich nichts mehr zu sagen. Und sie war glücklich
über ihr Leben und ihre Freunde – auch wenn diese unterschiedliche Sternzeichen
hatten!
Vielen Dank für diese Geschichte!
Vielen Dank für diese Geschichte!
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