Sonntag, 29. November 2015

Der Kiffer


Sein Foto bei der Dating App versprach einen groß gewachsen, bärtigen Mann, der ganz dem Klischee des handwerklich begabten Beschützers gerecht wurde. Sie trafen sich in Prenzlauer Berg, um dort etwas trinken zu gehen. Sie hielt Ausschau nach dem groß gewachsen Mann und übersah ihn fast als die Realität sie einholte. Groß war er, gewiss, aber schlaksig, mit Brille, nicht besonders pfleglich gekleidet und seine Gesten sprachen von Unsicherheit. Mit dem Profilbild hatte dieser Mann gar nichts gemeinsam, schade. Nichtsdestotrotz wollte sie wenigstens ein Bier mit ihm trinken gehen. Um die richtige Bar zu finden, fragte sie ihn, ob er rauchte oder ob es ihm lieber wäre, in eine Bar zu gehen, in der nicht geraucht wurde.

Er sagte: "Nein, ich rauche nicht." Ok. "Aber ich kiffe öfter. So am Wochenende. Aber rauchen, nein." Mal ordentlich einen druchziehen also, das war eher nicht ihr Ding. Wahrscheinlich war er auch gerade noch in seiner Dunstwolke unterwegs. Sie entschieden sich für eine Nichtraucherbar, in der gerade auf Großleinwand Fussball lief. Dort setzten sie sich auf eine Couch und bestellten 2 Bier. Er flegelte sich regelrecht auf die Couch als wäre er zuhause. legte die Füße auf den Tisch und prompt noch den Arm um sie, was sie in dieser Situation sehr unangenehm fand. Dann fing er an zu reden, über seinen Job. Freundschaften, sein Leben in Berlin und er hörte gar nicht mehr auf. Sie lächelte höflich und langweilte sich sehr. Wahrscheinlich würde dies das kürzeste Date ihres Lebens werden. Er hingegen fühlte sich sichtlich wohl und war von ihr angetan. Da fragt man sich meist, ob eine gewisse Art der Abneigung bei Männern immer noch einen Reiz auslöst, den so genannten Jagdtrieb?

Als sich das Date dem Ende zuneigte, sagte er: "Ich würde gern noch zu einer Party gehen und dich meinen Freunden vorstellen." Das war ihr dann doch zuviel. Im Grunde hatte er sowieso den Anschein geweckt, als würde er sie sofort heiraten wollen obwohl sie keine Gemeinsamkeiten hatten.
Nach fast 2 Stunden war ihr klar, dass es kein zweites Treffen geben würde. Sie bestellten die Rechnung und ihm fiel auf, dass er gar kein Geld dabei hatte, was er damit entschuldigte, dass er zu Beginn des Treffens von Ihrer Schönheit so geblendet war, dass er schlichtweg vergaß, Geld abzuheben. (Der schlechteste Spruch aller Zeiten.) Sie zahlte also die Gesamtrechnung mit einem knirschenden Lächeln, lehnte die Einladung zur Party ab und ging ohne sich umzudrehen nach Hause.

Vielen Dank für diese Geschichte!

Sonntag, 22. November 2015

Der Bootyshaker

Kennengelernt hat sie ihn über eine App, auf der sie ihm deutlich machte, dass er ihr gefiel. Er war hübsch, Hip Hop Tänzer mit einer ansprechenden Figur. Heutzutage bekundet man sein Interesse mit einem „Wisch“ in eine bestimmte Richtung. Daraufhin schrieb er sie an und es entwickelte sich eine anregende Konversation, die alsbald auf das private Handy verlegt wurde. Sie telefonierten viel, schickten sich lustige Grimassenbilder über Whatsapp und lachten eine Menge. Guter, gemeinsamer Humor gilt ja bei vielen Menschen als ein Muss für eine mögliche Beziehung. 

An einem Abend saß sie mit ihren Freundinnen in einer Bar und sie kommunizierte nebenbei mit ihm über Whatsapp. Am nächsten Tag sollte das erste Date stattfinden, doch warum darauf warten, wenn man nicht sogleich die Gelegenheit beim Schopfe packen konnte? Wie sie wußte, war er zuhause, also fragte sie ihn, ob er nicht spontan Zeit hätte, sie aus der Bar abzuholen. Er war spontan und fand die Idee gut! Sie freute sich sehr, sie sah gut aus, sie fühlte sich bei ihren Mädels wohl und gleich würde er bei ihr sein. Ein guter Abend! 

Als er kam, waren sie noch zu dritt und verließen gemeinsam mit ihrer Freundin die Bar. Auf dem Weg zur Bahn fiel ihr auf, dass er offensichtlich Gefallen an ihrer Freundin und nicht an ihr gefunden hatte…er flirtete regelrecht mit ihr! Ihre Freundin bemerkte, dass hier etwas nicht wie gewünscht lief und verabschiedete sich, um die beiden allein zu lassen. Somit war die Situation erst einmal wieder im Reinen.

Als ihre Freundin weg war, schlug sie vor gemeinsam spazieren zu gehen und er willigte ein. Sie gingen km-weit durch Berlin von der Warschauer Straße bis fast nach Pankow und unterhielten sich unentwegt über Gott und die Welt! Sie hatten sich eine Menge zu sagen und kam zu keinen peinlichen Pausen. Er berichtete, was er alles in seinem Leben erlebt hatte und das war mehr als genug. Sie hörte aufmerksam zu, denn sie hatte nicht so viel erlebt wie er. Er fragte nach seinem Endlosmonolog, ob sie auch was zu erzählen hätte. Als sie überlegte, stellte er einige Fragen: Kannst du tanzen? Scherzhaft sagte sie, sie könne nur gut tanzen, wenn sie betrunken ist. Dann fragte er noch, ob sie singen, rappen oder twerken (ist das heutzutage eine Qualifikation für 1. Dates?) konnte und als sie alles verneinte, fragte er, ob sie überhaupt was könne? Dann dachte sie sich: ah ok, und kannst du vielleicht mal die Fresse halten?

Als das Thema der „perfekte Partner“ angesprochen wurde, ging es ihm tatsächlich nur darum, dass seine zukünftige Angebetete bitte einen sehr großen Hintern und eine Top-Figur haben müsste. Als wäre diese Aussage nicht schon eindimensional und oberflächlich genug, kam er wieder auf ihre Freundin zu sprechen und sagte: „Deine Freundin finde ich besonders geil, weil sie einen riesigen Hintern hat!“ Sie fühlte sich wie im falschen Film. Was läuft hier eigentlich?

Es war bereits 6 Uhr morgens und sie musste gähnen. Es war Zeit, nach Hause zu fahren. Vielleicht würde das spätere Treffen ja mehr zu Tage fördern als der nächtliche Spaziergang mit dem Po-Liebhaber. Sie vergewisserte sich bei ihm, ob es bei dem späteren Treffen bliebe und er sagte zu. Später schickte er ihr noch eine Nachricht: „Ich hoffe, du bist gut nach Hause gekommen. Bis später.“
Als sie erwachte, hatte sie eine weitere Nachricht von ihm auf dem Handy mit dem Inhalt: „Oh sorry, mir ist etwas dazwischen gekommen.“ Das verwunderte sie nicht, er hatte auch bei ihr keinen bleibenden Eindruck hinterlassen und sie antwortete cool, dass sie es gern verschieben könnten.

1 Woche lang hörte sie nichts mehr von ihm. Nach 2 Wochen schrieb sie ihm: „Na Mensch, warum kannst du nicht einfach ehrlich sein und mir sagen, dass es nicht passt?“ Diese Frage stellt man sich als Frau ziemlich oft. Warum sind Männer in dieser Hinsicht so (ich formuliere es sarkastisch) „scheu“? Ist es nicht möglich, jemandem kurz mitzuteilen, dass es doch nicht passt oder kein Interesse vorhanden ist? Ist es wirklich besser, sich einfach nicht mehr zu melden als hätte es den anderen niemals gegeben? In dieser Hinsicht entpuppt sich der Mann unserer Zeit als Primat mit besonders viel Luft im Kopf, der nicht gewillt ist, sich mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Ein Hoch auf diese Primitivität! Sie scheint ein besonders ausgeprägtes Produkt des Online Datings zu sein.

Nun denn, hier die klassische Antwort ihres Primaten: „Ich habe viel Stress.“
Stimmt, gerade in der heutigen Zeit, wo jeder bei Whatsapp verfolgen kann, wann jemand online ist und wahrscheinlich noch sieht, dass er es gefühlte 13x bereits an diesem Tag war, ist es für Männer unmöglich in dieser Zeit ein kurzes „Hallo“, „wie geht’s dir?“ oder „Ich melde mich später.“ abzusetzen. Der arme Mann, er hat einfach keine Zeit!

Sie aber nahm sich Zeit, ihn zu fragen, ob sie sich wiedersehen würden, worauf er aber nie wieder antwortete. Wahrscheinlich hatte er einfach in dem Stress vergessen, wer von seinen 100 Dates sie eigentlich war.

Vielen Dank für diese Geschichte!

Sonntag, 15. November 2015

Der Astrologe



Es begann auf einer Datingapp, in der sie ihn entdeckte. Ein großer, sportlicher Mann mit Drei-Tage-Bart und einem Rennrad abgebildet. Er schrieb sie zuerst an und es entwickelte sich eine rege Unterhaltung über 2 Wochen. Er war eloquent, wissbegierig, intelligent und hatte ein Auge fürs Detail. Seine Leidenschaft lag in der Natur, weshalb er außerhalb von Berlin wohnte und dort oft Zeit im Wald genoss. Er war sehr höflich und sie schrieben sich regelmäßig als wären sie gute Freunde. Deshalb wollten sie sich auch gern einmal persönlich kennenlernen und obwohl sie nie Nummern austauschten oder vorher telefonierten, verabredeten sie sich zu einem ersten Date in einem sehr schönen italienischen Restaurant in Mitte, welches sie vorschlug. Da er ihr erzählte, dass er Wein liebte, empfand sie ihren Vorschlag als gute Wahl.
Sie fuhr mit dem Fahrrad und stellte es in der Nähe des Restaurants ab, um dann zu schauen, ob er bereits da war. Er fiel ihr sofort auf, da er dieses sympathische Lächeln und die großen, blauen Augen im Gesicht trug und direkt auf sie zukam. Er war sehr leger gekleidet: Jeans, Tshirt und Flip Flops – für einen guten Italiener eher eine untypische Kleiderwahl, dachte sie. Da sie aber wußte, dass er sonst den ganzen Tag über einen Anzug trug, war dies wohl mal eine willkommene Abwechslung für ihn.
Als sie die Speisekarte studierten, freute sie sich auf eine der herrlichen Speisen und auf einen guten Drink. Er hingegen schien etwas unentschlossen und nörgelig, weil er keinen Wein fand, der ihm gefiel. Sie schlug spontan vor, Aperol Sprizz zu nehmen, was er dankbar annahm. Sie waren sehr höflich zueinander und fanden sich sympathisch, doch bald stellte sich heraus, wie unterschiedlich sie eigentlich waren. Sie tauschten sich anfangs über Eckpunkte aus und sie fragte, ihn wann er Geburtstag habe. In der App stand, er wäre 35. Bei dieser Frage wurde er ganz still, dann sagte er: „Weißt du, das stimmt nicht ganz, aber ich kann es dir gern erklären.“ Ja, sie war gespannt wie ein Flitzebogen, denn Unehrlichkeit war etwas, was ihr gehörig missfiel, aber nun widmete sie seinen grauen Schläfen natürlich noch mehr Aufmerksamkeit. „Weißt du, ich bin etwas älter…um genau zu sein 40…“ (fand sie jetzt erstmal nicht weiter schlimm, er war ja nicht im Rentneralter) „…aber würde ich mein wahres Alter angeben, würden mich nur alte Frauen anschreiben und so kann ich vorher schon aussieben.“ Aha. Tolle Taktik.
Ansonsten zählte in seinem Leben nur die Arbeit und Umsatz. Er berichtete ihr, dass er bis zu 10 Stunden am Tag arbeitete und dass dies auch Vorrang hatte vor Urlaub oder Freunden und sogar einer Beziehung. Feiertage schienen auch keine Rolle zu spielen. Seine Work-Live-Balance stellte er dadurch her, dass er jeden Tag um 6 Uhr 10 km lief und abends nach der Arbeit meist noch Sport anhängte. Sie fragte sich, welcher Mensch in diesem Leben überhaupt noch Platz haben sollte. Er bemerkte wohl ihre Verwunderung und warf ein, dass er mal eine Partnerin hatte, die versuchte ihm etwas Gutes zu tun, eine gemeinsame Unternehmung, die er abwiegelte und sich im Nachhinein wohl darüber ärgerte, aber ändern wollte er deswegen nichts. Das fand sie traurig. Aber er hatte sich sein Leben als Single eingerichtet. Aber er würde es wohl begrüßen, wenn seine Partnerin die 10 km morgens mietliefe. Ähm, nein.
Sie kamen auf das Thema Freundschaften zu sprechen, das schien ein hartes Brot für ihn zu sein. Sie erzählte ihm, dass sie gern mit Freunden verreise und es in diesem Jahr schon 2 Mal genutzt hatte. Das konnte er überhaupt nicht verstehen: „Sowas könnte ich niemals. Wenn ich mit jemandem verreise, der nicht ist wie ich, würde das nie gut gehen. Ich stelle mir immer vor, ich sitze auf einem Berg und beobachte den Mond. Für mich ist der Mond blau. Wenn aber für jemand anderen der Mond nicht blau ist, kann ich mit dem Menschen nichts anfangen!“ Der blaue Mond, ahja, dachte sie, so ein Blödsinn. Sie fragte sich, woher diese komische Ansicht kam und ob es wohl etwas mit Astrologie zu tun hatte? Also fragte sie ihn, welches Sternzeichen er denn wäre und er antwortete: „Ich bin Löwe, und du?“ Sie antwortete ihm und plötzlich wurde er ganz still und schüttelte den Kopf. „Das geht ja mal gar nicht!“ sagte er: „Also die beiden Sternzeichen die bringen sich überhaupt nichts!“ Ihr war gar nicht klar, dass sie ihm „irgendwas bringen“ musste und dass Sternzeichen darüber entscheiden, ob man sich sympathisch findet oder nicht. Sie fand es einfach nur absurd und wollte das Thema nicht weiter vertiefen. Ansonsten hasste er noch Kino und Konzerte. Also ein sehr empathischer und interessierter Typ.
Die einzige Gemeinsamkeit, die sie hatten, war ihre Herkunft: beide kamen aus demselben Bundesland und konnten hier natürlich viel austauschen. In dieser Hinsicht war also Potential vorhanden. Der Abend neigte sich dem Ende zu. Sie zahlten getrennt und er verabschiedete sich mit einer festen Umarmung und einem „bis bald!“
Danach hörte sie 5 Tage nichts mehr von ihm. Ihr war es dennoch wichtig, eine Reaktion zu erhaschen und das Kennenlernen nicht einfach auslaufen zu lassen. Also schrieb sie ihm eine Nachricht und fragte, ob sie sich wohl nicht wiedersehen würden, was aber ok wäre. Nur eine Reaktion wäre wünschenswert. Aber auch die lies 2 Tage auf sich warten, dann schrieb er ihr einen ziemlich langen Text, in dem stand: „Meine Liebe, der Abend mit dir war wunderschön, aber manchmal brauchen bestimmte Dinge einfach Zeit, damit man sich findet und über alles nachdenkt, um in sich einzufühlen. Man darf es nicht überstürzen. Druck hilft da auch nicht weiter. Du bist eine wunderbare Frau, ich wünsche dir nur das Beste und vor allem Gesundheit, aber wir können uns einfach nicht symbiotisch miteinander entwickeln und würden uns gemeinsam nicht weiterbringen. Alles Liebe.“ Aha, Symbiose, umgangssprachlich für „den anderen Nutzen bringen.“ Nein, dazu hatte sie nun wirklich nichts mehr zu sagen. Und sie war glücklich über ihr Leben und ihre Freunde – auch wenn diese unterschiedliche Sternzeichen hatten!

Vielen Dank für diese Geschichte!

Sonntag, 8. November 2015

Der Bestimmer


Sie wollten sich an der Straßenbahn treffen, dachte sie. Doch stand dort niemand. Sie war zwar schon etwas spät dran, aber dass er nicht mehr da war, glaubte sie auch nicht. Es stellte sich heraus, dass er an einem anderen Treffpunkt war – sie hatten sich schlichtweg missverstanden. Er war der festen Überzeugung, sie würden sich an der S-Bahn und nicht an der Tramstation treffen. Okay. Also ging sie den kurzen Weg zur S-Bahn und tatsächlich - da stand er! Voller Vorfreude, wie sich herausstellte, da er sofort versuchte, sie auf den Mund zu küssen. (Junge, komm mal runter! 1. Date und so!) Und Fakt war: das war das 1. No-Go des Abends! Nach kurzer Überlegung entschieden sie sich in Richtung Prenzlberg zu fahren und dort Essen zu gehen. Sie suchten sich einen Asiaten, setzten sich und studierten die Speisekarte. Als die Bedienung kam, sagte er: „WIR nehmen dann das und das als Menü und die und die Getränke!“ 2. No-Go: sie durfte also nicht mal entscheiden, was sie essen möchte und sie kam auch nicht zu Wort? Woraufhin sie aber fragte: „Was soll das?“ Er: „Ja, so verkürzen wir die Entscheidungszeit!“ Nach kurzer Diskussion stellte sie klar, was SIE essen wollte und bestellte letzten Endes ein Menü ihrer Wahl. Was dann folgte, war zäh wie Kaugummi: einseitige Kommunikation. Er redete und redete und sie  fragte sich, womit er wohl Luft holte.
Nach dem Essen kommt ja meist diese Situation, in der die Frau freundlicherweise ihr Portemonnaie herauskramt, in der Hoffnung, der Mann übernähme gentlemenlike die Rechnung. Sie waren nun an diesem Punkt.
Er sagte: „Ich übernehme die Rechnung…“ Wie freundlich, dachte sie, aber er fügte ein „aber“ an: „aber nur, wenn du später die Cocktails oder sonst irgendwas bezahlst!“ Spendabel, der Herr. 3. No-Go an diesem Abend. Sie nahm an, dass der Abend eigentlich nicht schlimmer werden konnte. Sie musste auf jeden Fall anfangen zu trinken, also gingen sie in eine Bar.

In der Bar die gleich nebenan war lief entspannte Musik. Sie tranken Wein, sie mehr als er, weil sie sich betäuben wollte. Er redete und redete und philosophierte über seinen Job, sein Leben, Exfreundinnen (Lieblingsthema für Frauen und erst recht beim ersten Date!) etc pp. Innerlich verdrehte sie die Augen, ihre Gedanken drifteten ab, es hätte auch nichts gebracht, sich ihn nackt vorzustellen, wahrscheinlich würde er eh in jeder Situation endlos quatschen – über sich. Er stellte keine einzige Frage an sie. Sie hörte nur zu, nickte, lächelte (freundlich und innerlich gleichgültig), trank. Den Wein hätte sie sich sparen können, er hatte sie müde gequatscht. Um ihm klar zu machen, dass sie gehen würde, gähnte sie mehr als normal, aber er schien es nicht zu begreifen. Also sagte sie ihm direkt, dass sie jetzt gern nach Hause gehen würde. Er fand das mehr als schade und bot ihr an, sie nach Hause zu bringen (logo!) da es ja schon spät war (23 Uhr!) und einer Frau, die sich nachts allein auf den Straßen von Berlin bewegt, ja etwas passieren könnte (Nee, is‘ klar…). Also zahlten sie und gingen gemeinsam aus der Bar. Er ließ sich nicht abschütteln, er rückte ihr regelrecht auf die Pelle und sie überlegte krampfhaft, wie sie ihn wohl loswerden könnte.

Die S-Bahn erwischten sie gerade so, leider musste er dieselbe Bahn nehmen wie sie. Wie auch immer der Typ darauf kam, dass heute noch was laufen würde, nahm er sie in der S-Bahn fest in die Arme, setzte erneut zu einem Kuss an, was sie schroff abwies und flüsterte ihr ins Ohr:  „Ich möchte gern mit zu dir kommen. Ich wohne doch so weit außerhalb…“ Ihr graute es und sie antwortete: „Da kann ich doch nichts dafür!“ Sie wollte einfach nur noch raus. Er war so mit sich und seinen „heißen“ Gedanken an eine noch heißere Nacht beschäftigt, dass er gar nicht merkte, wie schnell sie sich aus seiner Umklammerung befreite denn ihre Endstation lag vor ihr. Sie sprang hoch und rannte mehr oder minder aus der Bahn – heilfroh, dass er nicht hinterher kam. Ihre blitzartige Reaktion und dieser Überraschungsmoment des Entkommens aus seiner anstrengenden, überflüssigen Umklammerung hatte er nicht erwartet.

Sie meldete sich nie wieder bei ihm. Nach ein paar Tagen schrieb er sie an mit den Worten „ Na, wird wohl doch nix mit uns…?“ Und sie dachte: NO WAY!!!! Und alles, was er von ihr wußte (aufgrund der tiefgründigen Gespräche und seinen Nachfragen zu ihrem Leben. Ach nee, er hat ja den ganzen Abend einen Monolog gehalten. Geiler Typ!), war ihr Vorname. 

Vielen Dank für diese Geschichte!

Sonntag, 1. November 2015

Der Photoshop-Liebhaber




Sie hatte ihn bei einer kostenlosen Datingbörse im Internet kennengelernt und obwohl sein Foto nicht grad ihrem Beuteschema zu 100% entsprach, wollte sie ihm dennoch eine Chance geben. Es zählen ja schließlich auch die inneren Werte und wie wir schon gelernt haben, ist schönes Aussehen auch nicht alles. 
Sie schrieben sich eine Zeitlang online ein paar nette Texte und stellten bald fest, dass sie in der Nähe wohnten – dennoch waren sie sich nie über den Weg gelaufen oder vielleicht war er ihr einfach nie aufgefallen? Sie tauschten dann Nummern aus und verlagerten ihre Gespräche auf Whatsapp. Er nutzte Whatsapp sehr oft, um ihr von jeglicher Situation, in der er sich befand, Bilder zu schicken: er im Park, auf der Arbeit etc. Im Grunde hätte sie ein Fotoalbum seines Lebens erstellen können…
Es wurde Zeit, ihn anzurufen und seine Stimme zu hören, um zu sehen, wer wirklich hinter diesen ganzen Bildern steckte und ihr jetzt schon so viel Raum in seinem Leben einrichtete. 

Aufgeregt wählte sie seine Nummer und war gespannt, ihn nun endlich mal zu hören. Es klingelte, sie freute sich auf eine männliche, angenehm tiefe Stimme und sagte: „Hallo.“ Aber was war das? Ging am anderen Ende des Hörers Mickey Mouse ans Telefon? Kurz schockiert über seine hohe Stimme versuchte sie sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Er war sofort Feuer und Flamme: übermäßig begeistert und an ihr interessiert, plapperte er drauf los. Egal, was er sagte, sie langweilte sich. Das sagte sie ihm aber nicht, sondern wartete das Gespräch bis zum Ende ab. Für sie war bereits klar, dass es bei einem einmaligen Telefonat bleiben würde. 

Einen Tag später schrieb sie ihm, dass sie die Kommunikation nicht fortführen möchte da ihr Bauchgefühl sich meist nicht täuschte. Es war nicht das oder er war nicht der, den sie suchte. Tatsächlich war er deswegen völlig geschockt, ja schon fast aufgelöst…Er schrieb ihr, dass er sie sehr süß fände, sich bereits über beide Ohren in sie verknallt hätte und mit ihr alles vorstellen könnte! Haus, Kinder, Hochzeit – dabei hatten sie sich noch nie getroffen! Es irritierte sie, da sie nicht damit gerechnet hätte, dass er so emotional reagieren würde und seine Phantasie bereits schon sehr so vorangeschritten war, was ihre gemeinsame Zukunft betraft. Dennoch versuchte sie ihm, ihre Sicht der Dinge zu erklären und ihre Entscheidung zu bekräftigen. Aber er wollte es einfach nicht einsehen oder verstehen und schrieb ihr unzählige Texte. 
Als sie kaum noch reagierte, schickte er ihr ein Bild, um ihr deutlich zu machen, was er von ihr hielt: dafür verwendete er ihr Profilbild bei Whatsapp und bearbeitete es mit Photoshop. Ihr Profilbild erstrahlte danach im neuen Glanz: sie hatte nicht nur Schmetterlinge im Haar, eine Krone auf dem Kopf, sondern auch 3 mit Pfeilen versehene Lachgrübchen! Dazu kam noch eine große, gelbe Sonne, die auf ihr goldenes Haar schien, eine Pusteblume gesellte sich dazu und zu guter Letzt hatte er ihr auch noch einen roten Knutschmund hinzugefügt – bestimmt von ihm! Ein virtueller Kuß! Sie sah sich selbst an und auf ihrer Stirn bildeten sich Falten. Das ging nun zu weit. Photoshopkünstler hin oder her – sie blockte ihren unheimlichen Verehrer.

Vielen Dank für diese Geschichte!