Freitag, 23. Oktober 2015

Der Beamte


Er schrieb sie über eine Datingapp an. Nach dem ersten Beschnuppern via Internet und Whatsapp wußte sie, was er beruflich macht, was seine Hobbys sind, wo er wohnt etc pp. Also das volle Programm. Kurz: Er war ein hoher Beamter im besten Alter (36 Jahre) mit Pilotenschein und Haus am See. Och, dachte sie, nicht das schlechteste. Mal sehen, wo die Reise hingeht mit ihm.

Das erste Treffen fand in einem  kleinen Park unweit des Schlosses Charlottenburg statt. Sie war pünktlich und wartete… Plötzlich klingelte ihr Handy und er fragte: „Hey, bist du schon da?“ „Ja“ sagte sie und drehte sich um und da stand ER in seiner vollen Pracht. Er war groß, trug Pullover und Jeanshose – auf den ersten Blick war also nichts Abnormales zu erkennen, puh! Er kam auch direkt auf sie zu und schloss sie erst mal fest in seine Arme als ob sie sich schon Jahre kannten. Ihr erster Gedanke war: „Ok, entspann dich Junge.“ Vielleicht war er ja auch nur nervös und wollte ihr deutlich machen, wie sehr er sich über das persönliche Treffen freute. Er schlug vor, Kaffee trinken zu gehen da er ein gemütliches Café in der Nähe kannte, sie willigte ein. Da er Hunger hatte, bestellte er sich Kaiserschmarren, sie einen Milchkaffee. Sie plauderten über alltägliche Dinge, Urlaub, Job usw. Er berichtete stolz, dass er mindestens 7 Mal im Jahr in den Urlaub flog und das sein liebstes Reiseziel Brasilien war. Aber davon lies sie sich nicht beeindrucken, jedem das seine. Obwohl das Gespräch in Ordnung war und sie sich einigermaßen wohl fühlte, tat er ab und zu Dinge, die ihr nicht gefielen oder die sie nicht erwidern wollte. 1. No Go: er versuchte sie mit dem süßen Kram zu füttern….Männer! Geht gar nicht! Die Frau ist erwachsen und kann selbstständig essen ohne zu kleckern.
Außerdem prahlte er ein bißchen damit, dass er kürzlich seinen Pilotenschein gemacht hätte. Und noch besser: er bot ihr an, man könne doch mal gemeinsam wegfliegen. Erst die Aktion mit der festen Umarmung am Anfang, dann das Füttern und nun noch die erste gemeinsame Reise…er gab sich reichlich Mühe, sie um den Finger zu wickeln (zumindest denken Männer, dies würde funktionieren…) Toll. So bis dahin war ja fast alles gut.
Nun wurde es aber Zeit, dass er seine Absichten deutlich machte: Normalerweise wäre man wahrscheinlich eine Runde spazieren gegangen, aber er bot ihr an, da sie sich ja so gut verstehen würden, dass er ihr gern mal seinen Arbeitsplatz zeigen würde. Achtung! Ein hoher Beamter lädt ein! Betreten sie einmalig ohne Eintritt, Vorstrafen oder die neidischen Blicke der Sekretärinnen das heilige Büro des hohen Beamten. Warum nicht? Wann würde sich so eine Chance sich ergeben? Da sie von Haus aus neugierig war, sagte sie zu und klar verstanden sie sich. Er war unterhaltsam, sie lachten. Nur, dass er ab und zu versuchte, sie zu umarmen, um ihr näher zu kommen, war noch nicht in ihrem Interesse, weshalb sie es freundlich aber bestimmt abwies. Nach einem kurzen Spaziergang am Schloss fuhren sie zu seinem Arbeitsplatz. Sein VW Golf lies, was die Sauberkeit von innen betraf, reichlich  zu wünschen übrig… später kam mir der Gedanke: „Ihhh, wer weiß was das für Flecken waren…“ (Ihr werdet am Ende der Geschichte diesen Gedanken verstehen!) Nichtsdestotrotz war sie sehr gespannt und interessiert, da sie das Gebäude noch nie von innen gesehen hatte. Da es Sonntag war, betraten sie das Gebäude durch einen Hintereingang. Er hatte die Schlüssel und kannte sich aus. Beim Gang durch die Flure suchte er ständig ihre Nähe, versuchte ihre Hand zu nehmen und sogar sie zu küssen. Wahrscheinlich fühlte er sich in seiner alltäglichen Umgebung sicher und mutig. Um ihn davon abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen – sie wollte ja nur mal das Gebäude von innen betrachten - fragte sie ihn über seinen Job aus und er antwortete geduldig. Dann standen sie vor seinem Büro. Sie warf einen kurz Blick hinein in der Annahme, dies wäre das Ende der „Führung“ und anschließend konnte sie gehen. Aber er hatte wohl einen Plan (natürlich!). Er saß auf seinem Tisch und beobachtete sie. Seine Blicke waren nicht die typischen „ich-zeig-dir,wo-ich-arbeite-Blicke“, sondern er zog sie förmlich mit den Augen aus. Frauen merken das. Und er wurde konkret: „Weißt du, wenn man sich versteht, dann passiert es schnell, dass man auch mal direkt in der Kiste landet. Ich habe nichts gegen ONS – das wäre auch nicht das erste Mal HIER.“
Für sie war klar, dass sie aus der Situation rausmusste…Sex hier, mit ihm – das war das letzte, was sie wollte. Sie lehnte höflich ab. Wahrscheinlich dachte er sich, er wäre vielleicht doch etwas zu forsch gewesen und für heute wäre es nicht der richtige Augenblick, also zeigte er sich einsichtig.
In diesem Moment lassen wir mal die Gedanken von Mann und Frau Revue passieren:
Frau: „Ist das eklig. Der bumst hier fröhlich im Büro rum und ich soll die nächste auf dem Schreibtisch sein, na herzlichen Dank. Und tschüss, Vollidiot.“
Er: „Wenn sie jetzt noch einen kurzen Rock anhätte…ja, schau dir an, wo ich arbeite….ich hab‘s weit gebracht und du darfst hier sein.“ Nach ihrer Abfuhr dann eher: „Hä? Was ist denn nun? Nee? Scheiße.“
Sie gingen aus dem Büro in Richtung Ausgang. Er wollte noch dort bleiben, weil er noch zu tun hatte, aber sie wollte nur schnell nach Hause. Anständig und gut erzogen bedankte sie sich für den Nachmittag und wußte, dass dies der erste und letzte Nachmittag mit ihm war. Im Gegensatz zu ihr war er nur daran interessiert, seine Triebe auf seinem Tisch, über dem Tisch, drunter, überall auszuleben. Nein, danke.
Sie hätte ihn einfach abhaken können. Gehen, nicht mehr umdrehen, aus den Augen – aus dem Sinn. Aber er schrieb ihr später bei Whatsapp, dass er den Nachmittag mit ihr sehr schön fand.

…und….

...dass er sie am liebsten sofort vernascht hätte und er immer noch so sehr erregt wäre.
Und wäre das nicht schon genug gewesen, schickte er ihr zu guter Letzt noch ein Foto vom seinem erigierten besten Stück hinterher! (Was soll sie damit tun? Es als sein Profilbild verwenden? Es könnte glatt eine Galerie werden...)
In solchen Momenten kommt der Ekel. Aber sie blieb cool, lachte herzlich über ihn und schrieb: „Das wäre nicht nötig gewesen.“ Dann brach sie den Kontakt ab.

Vielen Dank für diese Geschichte!

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