Sonntag, 25. Oktober 2015

Der Fensterputzer


An einem Abend, an sie nichts zu tun hatte, widmete sie sich ihrer Datingapp und verbrachte einige Zeit damit, die Profile der sich anbietenden Männer zu studieren. Ein Wisch nach links und er war nicht der Richtige. Ein Wisch nach rechts und er war ein potentieller Anwärter für ein Date. Sie stieß auf ein sehr schönes Foto von einem sehr schönen  Mann, was sie zwangsläufig dazu brachte, darüber nachzudenken, warum so ein schöner Mann über eine App eine Frau suchte. Sicher würde er ihr nie schreiben, also ergriff sie die Chance und schickte ihm eine Nachricht und tada – er antwortete. Es war eine sehr nette Unterhaltung über Familie, die Arbeit und ihre Wertevorstellungen und sie fühlte sich damit sichtlich wohl. Über einige Tage schrieben sie sich regelmäßig über die App, er machte nie Anstalten, ihr seine Nummer zu geben und sie fragte auch nicht danach. Mittlerweile wusste sie, dass er ab und an um die Ecke als Gebäudereiniger arbeitete. Nur wenige Meter von ihrem Zuhause entfernt befand sich also dieser äußerst attraktive Mann, muskulös, mit den blausten Augen, die sie je gesehen hatte. Sie war ein bißchen verzaubert. Eines Abends als er wieder in ihrer Nähe arbeitete, schlug er vor, nach der Arbeit auf einen Spaziergang und eine Zigarette vorbeizukommen. Es war schon sehr spät, seine Schichten gingen meist bis in die Nacht und kurz vor Mitternacht lag sie natürlich schon im Bett. Nichtsdestotrotz wollte sie die Gelegenheit beim Schopfe packen, stieg aus dem Bett, schminkte sich neu und zog sich an. Sie war nervös. Sie machten sich ein bißchen darüber lustig, ob sie sich erkennen würden, aber sie waren zuversichtlich. Sie nannte ihm nicht ihre Adresse, sondern sie verabredeten sich in der Nähe. 5 Minuten quatschen und rauchen sollte auch um diese Uhrzeit wohl drin sein. 

Sie trafen sich an einer Ecke und freuten sich, den anderen zu sehen. Er war wirklich ein sehr gut aussehender Mann, witzig und charmant. Und sie gingen los. Es sollte nur eine Runde um den Block mit einer Zigarette werden, aber sie gingen viel länger als gedacht, verstanden sich wunderbar und lachten und rauchten viel. Später saßen sie noch eine Weile auf der Treppe und konnten sich kaum voneinander losreißen. Am Ende umarmte er sie und sie wußten, dass sie sich wiedersehen würden.

Das nächste Treffen fand bei ihr zuhause statt, er kam direkt von der Arbeit auf eine Zigarette vorbei und sie unterhielten sich über Gott und die Welt. Er fühlte sich wohl und sie fühlten sich irgendwie zueinander hingezogen. Dennoch blieb es bei einem anregenden Gespräch. Am Ende schrieb er ihr seine Nummer auf und verabschiedete sich mit einem Kuss. Später schrieb er ihr, dass sie ein Treffen und auch das Küssen auf jeden Fall wiederholen sollten. Ein bißchen schwebte sie auf Wolke 7.

Beim nächsten Treffen nahm er sich etwas mehr Zeit und sie aßen gemeinsam. Sie sprachen über verflossene Beziehungen und ihre Erfahrungen über das Onlinedating, welches zeitweise recht amüsant war. Sie fragte sich dennoch immer wieder, wohin diese Geschichte gehen könnte, denn von ihm kamen keine Anzeichen dafür, dass es über das Küssen hinausgehen würde. Das fand sie aber nicht weiter tragisch, denn sie genoss die Zeit und die Gespräche mit ihm. Zwischendurch küssten sie sich. Es schien ein bißchen perfekt für den Moment. Vielleicht war dies auch nur endlich mal eine langsame und behutsame Weise des Kennenlernens. Dafür war sie gern bereit. Irgendwann saßen sie im Schlafzimmer, sie auf dem Bett, er auf einem Sessel und unterhielten sich. Die Zeit verstrich und sie fragte sich, wann er wohl gehen würde, aber es schien als hätte er einen anderen Plan. Zu ihrer Verwunderung sagte er: „Gehen wir jetzt schlafen?“ Nun, damit hatte sie nicht gerechnet und es kam auch etwas plötzlich. Sie fand es sogar etwas verwirrend, warum er vor hatte, hier die Nacht zu verbringen. Aber nun gut, er machte keine sexuellen Annäherungen, er war höflich und nett und spät war es auch. So einen schönen Mann hat man ja auch selten im Bett. Wie selbstverständlich entledigte er sich seiner Kleidung und stieg in Boxershorts in ihr Bett. Sie ging ins Bad, putzte sich die Zähne und wußte nichts so recht mit dieser merkwürdigen Situation anzufangen. Nun ja, sie hatte ihm sicherlich Signale gegeben und Interesse signalisiert, aber er war nie darauf eingegangen. In ihrem Kopf freute sie sich darauf, seinem trainierten Körper etwas nahe zu kommen und in den großen, muskulösen Armen einschlafen zu können.
Als sie ins Zimmer kam, lag er mit geschlossenen Augen unter einer Bettdecke und regte sich nicht. Sie legte sich auf die andere Seite und machte das Licht aus. Mehr wird wohl nicht passieren heute, auch gut, dachte sie sich. Vielleicht war er aber auch einfach nur zu faul, um zu so später Stunde noch heimzufahren?
Nach ein paar Minuten in dem leicht dunklen Zimmer drehte er sich ihr zu und begann, sie zu küssen. Aha, nun also doch. Seine Haut war wunderbar weich und sie spürte seine Muskeln. Doch im Endeffekt ging alles ganz schnell. In der heutigen Zeit scheinen Männer zu glauben, es wäre angebracht, den Kopf sofort eine Etage tiefer zu stecken, um die Frau zu beglücken, doch irgendwie wurde schnell deutlich, dass er weder beim Küssen noch in tieferen Regionen besonders bemüht oder leidenschaftlich war. Sie konnte es kaum glauben, dass so ein schöner, durchtrainierter Mann so viel Lustlosigkeit an den Tag legte. Plötzlich hörte er auf, legte sich neben sie und sagte: „Ich glaub, ich will lieber schlafen!“ Er drehte sich um und schlief ein. 
In diesem Moment lag sie mit einem großen Fragezeichen im und vielen Stirnfalten am Kopf neben ihm und fand die gesamte Situation nicht nur unbefriedigend, sondern seltsam und unnötig. Sie dachte darüber nach, ob der trainierte Körper überfordert war, er Anabolika nahm und sich deshalb in seiner unteren Region wirklich zu keiner Zeit etwas getan hatte. Kurze Zeit tat er ihr leid. Verständlich war die Situation jedenfalls nicht. Sehr früh am Morgen klingelte sein Wecker, er stand auf, zog sich an und verabschiedete sich mit einem Kuss. Sie legte sich einfach wieder hin und versuchte zu schlafen.

Er meldete sich 3 Tage nicht. Sie hielt tapfer durch, ihm nicht zu schreiben. Keine netten Gespräche mehr, keine Zigarettenabende, kein Lachen. Irgendwann wurde es ihr zu bunt und sie fragte höflich nach, was sie denn nun davon halte könne, dass er sich nicht mehr meldete. Auch eine Absage, selbst am Tag danach, hätte doch genügt, um zu wissen, woran man ist, auch wenn es nicht weitergeht. So war sie im Ungewissen und ärgerte sich. Er musste sich wohl durchringen zu antworten und schrieb ihr einen Tag später: „Du bist eine tolle Frau, aber irgendwie hat es sexuell nicht gepasst. Das musst du doch gemerkt haben.“ Ok, sie nahm sowieso an, dass nichts laufen würde und er hielt ihr nun vor, es passe nicht? Männerdenken. Aber sie schrieb ihm noch zurück: „Ich weiß zwar nicht, woran du das festmachst, weil wir nie darüber gesprochen haben, was dem anderen gefällt – geschweige denn dies ausprobiert, aber ich kann dir sagen, dass ich noch nie einen so lustlosen Mann wie dich in meinem Bett hatte.“ Vielleicht hat die nächste Dame ja mehr Glück. Ein schöner Körper allein reicht eben doch nicht, Mädels. Dabei hätte er doch so schön ihre Fenster leichtbekleidet putzen können…

Vielen Dank für diese Geschichte!

In eigener Sache - Veröffentlichungen

Meine Lieben, so wie es scheint, erfreut sich der Blog großer Beliebtheit. Da ihr nicht jedes Mal ungwiss auf die neue Geschichte warten sollt, werde ich nun versuchen, jeden Sonntag (sofern es genug "Stoff" gibt - sollte aber erstmal kein Problem sein) zu bloggen. Da sitzt ihr sowieso meist alle gemütlich zuhause und freut euch über etwas Lustiges zum Lesen. Auch heute gibt es demnach wieder eine neue Story! Ich wünsche euch allen einen schönen Sonntag.

Freitag, 23. Oktober 2015

Der Beamte


Er schrieb sie über eine Datingapp an. Nach dem ersten Beschnuppern via Internet und Whatsapp wußte sie, was er beruflich macht, was seine Hobbys sind, wo er wohnt etc pp. Also das volle Programm. Kurz: Er war ein hoher Beamter im besten Alter (36 Jahre) mit Pilotenschein und Haus am See. Och, dachte sie, nicht das schlechteste. Mal sehen, wo die Reise hingeht mit ihm.

Das erste Treffen fand in einem  kleinen Park unweit des Schlosses Charlottenburg statt. Sie war pünktlich und wartete… Plötzlich klingelte ihr Handy und er fragte: „Hey, bist du schon da?“ „Ja“ sagte sie und drehte sich um und da stand ER in seiner vollen Pracht. Er war groß, trug Pullover und Jeanshose – auf den ersten Blick war also nichts Abnormales zu erkennen, puh! Er kam auch direkt auf sie zu und schloss sie erst mal fest in seine Arme als ob sie sich schon Jahre kannten. Ihr erster Gedanke war: „Ok, entspann dich Junge.“ Vielleicht war er ja auch nur nervös und wollte ihr deutlich machen, wie sehr er sich über das persönliche Treffen freute. Er schlug vor, Kaffee trinken zu gehen da er ein gemütliches Café in der Nähe kannte, sie willigte ein. Da er Hunger hatte, bestellte er sich Kaiserschmarren, sie einen Milchkaffee. Sie plauderten über alltägliche Dinge, Urlaub, Job usw. Er berichtete stolz, dass er mindestens 7 Mal im Jahr in den Urlaub flog und das sein liebstes Reiseziel Brasilien war. Aber davon lies sie sich nicht beeindrucken, jedem das seine. Obwohl das Gespräch in Ordnung war und sie sich einigermaßen wohl fühlte, tat er ab und zu Dinge, die ihr nicht gefielen oder die sie nicht erwidern wollte. 1. No Go: er versuchte sie mit dem süßen Kram zu füttern….Männer! Geht gar nicht! Die Frau ist erwachsen und kann selbstständig essen ohne zu kleckern.
Außerdem prahlte er ein bißchen damit, dass er kürzlich seinen Pilotenschein gemacht hätte. Und noch besser: er bot ihr an, man könne doch mal gemeinsam wegfliegen. Erst die Aktion mit der festen Umarmung am Anfang, dann das Füttern und nun noch die erste gemeinsame Reise…er gab sich reichlich Mühe, sie um den Finger zu wickeln (zumindest denken Männer, dies würde funktionieren…) Toll. So bis dahin war ja fast alles gut.
Nun wurde es aber Zeit, dass er seine Absichten deutlich machte: Normalerweise wäre man wahrscheinlich eine Runde spazieren gegangen, aber er bot ihr an, da sie sich ja so gut verstehen würden, dass er ihr gern mal seinen Arbeitsplatz zeigen würde. Achtung! Ein hoher Beamter lädt ein! Betreten sie einmalig ohne Eintritt, Vorstrafen oder die neidischen Blicke der Sekretärinnen das heilige Büro des hohen Beamten. Warum nicht? Wann würde sich so eine Chance sich ergeben? Da sie von Haus aus neugierig war, sagte sie zu und klar verstanden sie sich. Er war unterhaltsam, sie lachten. Nur, dass er ab und zu versuchte, sie zu umarmen, um ihr näher zu kommen, war noch nicht in ihrem Interesse, weshalb sie es freundlich aber bestimmt abwies. Nach einem kurzen Spaziergang am Schloss fuhren sie zu seinem Arbeitsplatz. Sein VW Golf lies, was die Sauberkeit von innen betraf, reichlich  zu wünschen übrig… später kam mir der Gedanke: „Ihhh, wer weiß was das für Flecken waren…“ (Ihr werdet am Ende der Geschichte diesen Gedanken verstehen!) Nichtsdestotrotz war sie sehr gespannt und interessiert, da sie das Gebäude noch nie von innen gesehen hatte. Da es Sonntag war, betraten sie das Gebäude durch einen Hintereingang. Er hatte die Schlüssel und kannte sich aus. Beim Gang durch die Flure suchte er ständig ihre Nähe, versuchte ihre Hand zu nehmen und sogar sie zu küssen. Wahrscheinlich fühlte er sich in seiner alltäglichen Umgebung sicher und mutig. Um ihn davon abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen – sie wollte ja nur mal das Gebäude von innen betrachten - fragte sie ihn über seinen Job aus und er antwortete geduldig. Dann standen sie vor seinem Büro. Sie warf einen kurz Blick hinein in der Annahme, dies wäre das Ende der „Führung“ und anschließend konnte sie gehen. Aber er hatte wohl einen Plan (natürlich!). Er saß auf seinem Tisch und beobachtete sie. Seine Blicke waren nicht die typischen „ich-zeig-dir,wo-ich-arbeite-Blicke“, sondern er zog sie förmlich mit den Augen aus. Frauen merken das. Und er wurde konkret: „Weißt du, wenn man sich versteht, dann passiert es schnell, dass man auch mal direkt in der Kiste landet. Ich habe nichts gegen ONS – das wäre auch nicht das erste Mal HIER.“
Für sie war klar, dass sie aus der Situation rausmusste…Sex hier, mit ihm – das war das letzte, was sie wollte. Sie lehnte höflich ab. Wahrscheinlich dachte er sich, er wäre vielleicht doch etwas zu forsch gewesen und für heute wäre es nicht der richtige Augenblick, also zeigte er sich einsichtig.
In diesem Moment lassen wir mal die Gedanken von Mann und Frau Revue passieren:
Frau: „Ist das eklig. Der bumst hier fröhlich im Büro rum und ich soll die nächste auf dem Schreibtisch sein, na herzlichen Dank. Und tschüss, Vollidiot.“
Er: „Wenn sie jetzt noch einen kurzen Rock anhätte…ja, schau dir an, wo ich arbeite….ich hab‘s weit gebracht und du darfst hier sein.“ Nach ihrer Abfuhr dann eher: „Hä? Was ist denn nun? Nee? Scheiße.“
Sie gingen aus dem Büro in Richtung Ausgang. Er wollte noch dort bleiben, weil er noch zu tun hatte, aber sie wollte nur schnell nach Hause. Anständig und gut erzogen bedankte sie sich für den Nachmittag und wußte, dass dies der erste und letzte Nachmittag mit ihm war. Im Gegensatz zu ihr war er nur daran interessiert, seine Triebe auf seinem Tisch, über dem Tisch, drunter, überall auszuleben. Nein, danke.
Sie hätte ihn einfach abhaken können. Gehen, nicht mehr umdrehen, aus den Augen – aus dem Sinn. Aber er schrieb ihr später bei Whatsapp, dass er den Nachmittag mit ihr sehr schön fand.

…und….

...dass er sie am liebsten sofort vernascht hätte und er immer noch so sehr erregt wäre.
Und wäre das nicht schon genug gewesen, schickte er ihr zu guter Letzt noch ein Foto vom seinem erigierten besten Stück hinterher! (Was soll sie damit tun? Es als sein Profilbild verwenden? Es könnte glatt eine Galerie werden...)
In solchen Momenten kommt der Ekel. Aber sie blieb cool, lachte herzlich über ihn und schrieb: „Das wäre nicht nötig gewesen.“ Dann brach sie den Kontakt ab.

Vielen Dank für diese Geschichte!

Sonntag, 18. Oktober 2015

Der Anti-Berliner



Sie hatten sich auf einer Datingplattform kennengelernt – eine kostenlose Online Datingbörse, die ohne die Suche nach einem Akademiker oder Elitepartner wirbt. Sprich: hier findet sich alles – vom Arbeitslosen bis zum umtriebigen Studenten oder wohl situierten Angestellten. Sein Foto sah sehr ansprechend aus, woraufhin sich schnell eine Konversation ergab, die sie über die Plattform betrieben. Im Laufe der "Gespräche" tauschten sie Nummern aus, um die Unterhaltung auf ein privateres Niveau zu heben. Somit war man nicht mehr gezwungen, bei der Plattform aktiv zu sein und hatte einen direkten Draht über Whatsapp. Im besten Fall mit einem aktuellen Profilbild und dem Onlinestatus. Vielleicht würden sie dann auch einmal telefonieren, denn ein Telefonat offenbart nicht nur die Stimme des Gegenübers, sondern man kann feststellen, ob die Sympathie auch beim Sprechen gewährleistet war, um sich später einer neuen Stufe hinzugeben: dem persönlichen Treffen. Der erste Schritt war gemacht. Sie schrieben sich wenige Tage bei Whatsapp. 
Dann erhielt sie von ihm eine Nachricht mit der Frage: „Sag mal, berlinerst du?“ Sie wunderte sich etwas über diese Frage, aber da konnte natürlich viel dahinter stecken: 1. Er findet es megacool, wenn eine Frau etwas „derbe“ spricht. 2. Er möchte es gern selbst lernen und sucht eine Sparringspartnerin oder 3. Er berliniert selbst und freut sich über diese Gemeinsamkeit. Weit gefehlt… Sie entgegnete ihm: „Nur etwas. Kommt auf die Situation an.“ Sie schickte die Nachricht ab ohne einen Hintergedanken doch seine Antwort lies nicht lange auf sich warten. Er schrieb: „Sorry, ich finde das bei Frauen nicht so attraktiv. Also macht es auch wenig Sinn mit uns!“ Kurz dachte sie darüber nach, dann lachte sie herzlich und schrieb ihm nie mehr zurück. Was hätte sie auch sagen sollen? „Dit sollt‘n wa bei ne Molle klären!“?

Vielen Dank für diese Geschichte! Ja, manchmal ersticken die Dinge schon im Keim...

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Der Lecker

Manchmal kommt man auch über Umwege zu einem Date. Eine Freundin empfahl ihr einen alten Kontakt aus dem Datingportal mit den Worten: "Bei uns ist der Funke zwar nicht übergesprungen, aber vielleicht wäre er etwas für dich. Ist ein ganz Netter und er sucht was festes!"
Das klang doch mal annehmlich: geprüft im Bekanntenkreis, gutaussehend, fest im Job, keine bekannte seltsame Neigung und den Wunsch nach Beständigkeit - Jackpot! Man tauschte also Nummern aus und begann ein lockeres Kennenlernspiel über - wie es heutzutage so ist - Whatsapp.
Die Freundin hätte ja schon viel über einen erzählt und man wisse ja dann, dass man sicher eine tolle Person wäre, gutaussehend, charmant und nett. Soweit so gut. Die Kommunikation ging erstmal nicht über Whatsapp hinaus. Man tauschte Interessen aus, welche Musik hörst du, welche Filme magst du usw. Auch Fotos wurden versandt: er auf dem Weg zur Arbeit, sie beim Spazierengehen...nun, das eine Foto, auf dem er sich als sehr kontroversen politischen Zeitgenossen darstellte, kam ihrem Humor in keinster Weise entgegen und erschütterte für den Moment alle Nettigkeiten, die sie vorher ausgetauscht hatten. Er bemerkte es. Ruderte zurück, entschuldigte sich tausendmal, es wäre nur ein dummer Jungenstreich gewesen. Sie verzieh ihm und löschte das Bild.

Im Laufe der Unterhaltung wurden die Fragen zunehmend intimer, aber sie lies sich nicht aus der Reserve locken, diesmal sollte es ja was echtes werden, auch wenn sie nicht hintern Berg damit hielt, dass ihre Figur auf jeden Fall sehr ansehnlich wäre. Er sprang natürlich sofort darauf an und beglückwünschte sie zu ihrem - in froher Erwartung - ansehnlichen Körperbau. Sie schlug vor, an einem Freitagabend etwas trinken zu gehen, um sich endlich einmal persönlich kennenzulernen und zu prüfen, ob die Sympathie in der Realität Bestand hat. Als Ort kam ihr eine Bar mit Blick über Berlin in den Sinn, die sich in einem Hotel befand. Die Entscheidung von ihr fiel ohne Hintergedanken: die Bar war hübsch, sie war verkehrsgünstig gelegen und man konnte über die ganze Stadt sehen, die am Abend in ein wunderschönes Licht von Laternen und buntem Treiben der Hauptstadt getaucht war. Perfekt! Er nahm das natürlich zum Anlass darüber zu scherzen, dass sie sich gleich ein Hotelzimmer nehmen könnten...zwinker, zwinker...oder dass sie nur im Mantel kommen könnte...Naja, Männerphantasien.

Es war der Abend vor Valentinstag, der Abend des Treffens war gekommen. Sie nahm sich vor etwas später zu erscheinen, um nicht den Eindruck zu erwecken, es wäre besonders wichtig. Und dort saß sie nun, in der Lobby, 10min, 15min....er schrieb ihr über Whatsapp, wo sie denn wäre. Nun, augenscheinlich war er in einer anderen Bar, aber bemüthe sich, die Zeit aufzuholen und schnell in die richtige Location zu finden. Nach einer halben Stunde Verspätung traf er endlich ein, man begrüßte sich freundlich und umarmte sich. Er war sichtlich angetan von ihr. Wahrscheinlich waren seine Augen nicht nur auf ihre gerichtet; sie allerdings bemerkte, dass er kleiner war als sie annahm. Macht nichts. Auf die Größe kommt es nicht an, also ab in den Fahrstuhl und hoch in die Bar, in der sie am Fenster ein schönes Plätzchen ergatterten. Er wirkte gestresst, aber froh, endlich angekommen zu sein. Sie bestellten sich Getränke und begannen über die Arbeit zu sprechen, ein guter Einstieg.
Ziemlich schnell fühlte er sich zu ihr hingezogen, rückte näher heran (er könne sie so schlecht verstehen da es ja so laut ist. Und in der Tat machte sich eine Live Band daran, für Stimmung zu sorgen, was ihm ganz und gar nicht gefiehl.). Innerhalb von Sekunden hatte er seine Hand auf Ihrem Oberschenkel und merkte an, was sie für tolle Brüste habe. In solch einem Moment kannst du zwei Dinge tun: 1. du gehst. 2. du lachst darüber hinweg. Für den Ausgang des Abends war ihr klar, in welche Richtung es gehen würde, wenn sie wollte. Er stieg sofort in das Thema "Brüste" ein: er hätte mal eine Ex-Freundin gehabt, die hatte sogar unechte, große Brüste, das fand er super, hat aber auch nicht viel mehr im Bett gebracht. Ja, das ist, was Frauen hören wollen...Im Großen und Ganzen hatte er nun das Gefühl, sich in der Hinsicht vollkommen zu öffnen. Ok, neue Geschichten hört man sich gern mal an und man entscheidet dann selbst, ob man zu ihnen zählen möchte oder nicht. Sofern er nicht immer auf das Thema Sex zu sprechen kam, war er ein unterhaltsamer Zeitgenosse, der sich alsbald von der Live Musik so sehr gestört fühlte, dass er vorschlug, die Location zu wechseln.

Da er mit dem Auto gekommen war, fuhren sie gemeinsam in eine andere Bar in Friedrichshain. Das Auto stand gefühlte 100 km von der alten Bar entfernt und es war ein Smart...ein Anzugtyp im Smart. Es hätte schlimmer sein können. Sie fuhren also in eine gemütliche Cocktailbar mit großen Ledersofas, in der kaum noch ein Platz zu finden war. Es blieb nur die Möglichkeit, sich eine kleine Couch zu teilen. Sie unterhielten sich über Gott und die Welt, Reisen, Arbeit, Familie - er war ein guter Erzähler, aber er suchte ihre Nähe. Also probierte er seinen Arm um sie zu legen, was auf der Couchlehne kein Problem darstellte und dennoch eine gewisse Distanz erlaubte. Sie saß mit verschränkten Armen neben ihm und hörte sich nun all die Geschichten an, die er in seiner sexuellen Laufbahn gesammelt hatte. Er hatte auch eine besondere Vorliebe, um nicht zu sagen: er war Experte auf einem Gebiet! Das Lecken bereitete ihm große Freunde und den größten Erfolg verbuchte er, in dem er innerhalb von einer Nacht auf diese Weise einer Frau 8 Orgasmen verschaffte! Ja, 8! Was für ein Held! Sie wollte weder in den Genuss seiner unwiderstehlichen Gabe kommen noch eine von den Frauen sein, die er zum Höhepunkt leckte. Er redete sich richtig in Rage, sie hörte aufmerksam zu als wollte sie ihm die Möglichkeit geben, sich einmal richtig auszulassen. Das Thema schien sehr dominant. In einem zarten Moment versuchte er - nachdem er seinen Kopf auf ihre Schulter legte (gewiss wollte er lieber an ihrem Busen schmusen) sie zu küssen. Doch sie blockte ab und er lenkte ein: "Wenn du das nicht möchtest, ist es ok! Du sollst es ja auch wollen." Aber nein, sie wollte nicht. Einige Gespräche später nahm er seine Chance wahr und küsste sie, mit Zunge, kurz und heftig. Noch nie in ihrem Leben hatte sie eine so große Zunge in ihrem Mund. Ihr fiel ein Vergleich ein: Waschlappen. Dass er damit Frauen in der unteren Region beglücken konnte, war für sie durchaus vorstellbar, nur beim Küssen war es weder angenehm noch sprang ein Funke über. Der Waschlappen bahnte sich schwer und nass den Weg zwischen ihren Kiefer. Damit war die Sache eigentlich erledigt. Es blieb bei dem kurzen Kuss. Ein Nachschlag war nicht gewünscht.
Sie zahlten ihre Getränke und er fuhr sie nach Hause, wo er wieder versuchte, ihr einen Abschiedskuss zu geben, doch sie machte ihm deutlich, dass sich dies nicht wiederholen würde. Autotür auf, Autotür zu, gute Nacht und gute Reise.

Nach diesem Abend war ihr klar, dass auch er nicht ihr Märchenprinz werden würde. Sie musste zwangsläufig an Sex and the City denken (ihr kennt sicher die Folge mit Mr. Mu****?). Amüsiert, fassungslos und etwas angewidert ging sie ins Bett.

Am nächsten Morgen erwachte sie und erblickte eine Nachricht von ihm auf ihrem Handy. In dieser stand: "Ich wünsche dir einen schönen Valentinstag! Der Abend mit dir war sehr schön und ich würde dich gern mal auslecken." Sie sahen sich nie wieder.

Vielen Dank für diese Geschichte.



Sonntag, 4. Oktober 2015

Datest du noch oder zweifelst du schon?

In den letzten Jahren hat sich unsere Gesellschaft "sozial-digital" extrem gewandelt - es wird über Whatsapp kommuniziert, Fotos werden verschickt, Telefonate sind selten geworden, Gefühle werden über Facebook geteilt, Sex ist leicht zu haben und das Wort "Liebe" so rar wie ein vierblättriges Kleeblatt.
Bekanntschaften werden heute über Datingplattformen "generiert" - Tinder, Lovoo oder Onlinebörsen versprechen das "Match deines Lebens". Im wahren Leben aber sind die besten Männer (bpsw. im Bekanntenkreis) entweder nicht mehr Single oder haben einen gewaltigen Sprung in der Schüssel.

Gerade in meinem Umfeld habe ich viele tolle Frauen Mitte 20/ Anfang 30 getroffen, die über das Online-Dating auf der Suche sind. Wonach? Nach Beständigkeit und Langfristigkeit. Nur leider scheint dies in dieser Parallelwelt nicht zu finden zu sein. Multidating und Beziehungsunfähigkeit bestimmen hier unsere Gesellschaft. Ein Wisch nach rechts oder links und du bist uninteressant. Deine "Bewerbung" auf den Dating-Plattformen wird einzig und allein nach deinem Aussehen bewertet. Fotos werden in Ordner abgelegt: wie z.B. "kann man mal treffen", "sieht gut aus, mehr nicht" oder "Potential". Wir sind austauschbar geworden in einer Stadt, die uns alle Möglichkeiten offen hält und uns suggeriert, dass an dieser oder jener Ecke noch etwas besseres zu finden wäre.

Lässt man sich heutzutage doch noch auf ein Date ein, kann man viele Überraschungen erleben. Wir sammeln auf diesem Blog die Erfahrungen (natürlich anonym und diskret) von Frauen, die Dates erlebt haben, die uns amüsieren, schocken oder nur zum Kopfschütteln animieren.

Vielleicht müsste im Endeffekt das Mantra einfach lauten: stop dating - start living!