An einem Abend, an sie nichts zu
tun hatte, widmete sie sich ihrer Datingapp und verbrachte einige Zeit damit,
die Profile der sich anbietenden Männer zu studieren. Ein Wisch nach links und
er war nicht der Richtige. Ein Wisch nach rechts und er war ein potentieller
Anwärter für ein Date. Sie stieß auf ein sehr schönes Foto von einem sehr
schönen Mann, was sie zwangsläufig dazu
brachte, darüber nachzudenken, warum so ein schöner Mann über eine App eine
Frau suchte. Sicher würde er ihr nie schreiben, also ergriff sie die Chance und
schickte ihm eine Nachricht und tada – er antwortete. Es war eine sehr nette
Unterhaltung über Familie, die Arbeit und ihre Wertevorstellungen und sie
fühlte sich damit sichtlich wohl. Über einige Tage schrieben sie sich regelmäßig
über die App, er machte nie Anstalten, ihr seine Nummer zu geben und sie fragte
auch nicht danach. Mittlerweile wusste sie, dass er ab und an um die Ecke als
Gebäudereiniger arbeitete. Nur wenige Meter von ihrem Zuhause entfernt befand
sich also dieser äußerst attraktive Mann, muskulös, mit den blausten Augen, die
sie je gesehen hatte. Sie war ein bißchen verzaubert. Eines Abends als er
wieder in ihrer Nähe arbeitete, schlug er vor, nach der Arbeit auf einen
Spaziergang und eine Zigarette vorbeizukommen. Es war schon sehr spät, seine
Schichten gingen meist bis in die Nacht und kurz vor Mitternacht lag sie
natürlich schon im Bett. Nichtsdestotrotz wollte sie die Gelegenheit beim
Schopfe packen, stieg aus dem Bett, schminkte sich neu und zog sich an. Sie war
nervös. Sie machten sich ein bißchen darüber lustig, ob sie sich erkennen
würden, aber sie waren zuversichtlich. Sie nannte ihm nicht ihre Adresse,
sondern sie verabredeten sich in der Nähe. 5 Minuten quatschen und rauchen
sollte auch um diese Uhrzeit wohl drin sein.
Sie trafen sich an einer Ecke und
freuten sich, den anderen zu sehen. Er war wirklich ein sehr gut aussehender
Mann, witzig und charmant. Und sie gingen los. Es sollte nur eine Runde um den
Block mit einer Zigarette werden, aber sie gingen viel länger als gedacht,
verstanden sich wunderbar und lachten und rauchten viel. Später saßen sie noch
eine Weile auf der Treppe und konnten sich kaum voneinander losreißen. Am Ende
umarmte er sie und sie wußten, dass sie sich wiedersehen würden.
Das nächste Treffen fand bei ihr
zuhause statt, er kam direkt von der Arbeit auf eine Zigarette vorbei und sie
unterhielten sich über Gott und die Welt. Er fühlte sich wohl und sie fühlten
sich irgendwie zueinander hingezogen. Dennoch blieb es bei einem anregenden
Gespräch. Am Ende schrieb er ihr seine Nummer auf und verabschiedete sich mit
einem Kuss. Später schrieb er ihr, dass sie ein Treffen und auch das Küssen auf
jeden Fall wiederholen sollten. Ein bißchen schwebte sie auf Wolke 7.
Beim nächsten Treffen nahm er
sich etwas mehr Zeit und sie aßen gemeinsam. Sie sprachen über verflossene
Beziehungen und ihre Erfahrungen über das Onlinedating, welches zeitweise recht
amüsant war. Sie fragte sich dennoch immer wieder, wohin diese Geschichte gehen
könnte, denn von ihm kamen keine Anzeichen dafür, dass es über das Küssen
hinausgehen würde. Das fand sie aber nicht weiter tragisch, denn sie genoss die
Zeit und die Gespräche mit ihm. Zwischendurch küssten sie sich. Es schien ein
bißchen perfekt für den Moment. Vielleicht war dies auch nur endlich mal eine
langsame und behutsame Weise des Kennenlernens. Dafür war sie gern bereit. Irgendwann
saßen sie im Schlafzimmer, sie auf dem Bett, er auf einem Sessel und
unterhielten sich. Die Zeit verstrich und sie fragte sich, wann er wohl gehen
würde, aber es schien als hätte er einen anderen Plan. Zu ihrer Verwunderung
sagte er: „Gehen wir jetzt schlafen?“ Nun, damit hatte sie nicht gerechnet und
es kam auch etwas plötzlich. Sie fand es sogar etwas verwirrend, warum er vor
hatte, hier die Nacht zu verbringen. Aber nun gut, er machte keine sexuellen
Annäherungen, er war höflich und nett und spät war es auch. So einen schönen
Mann hat man ja auch selten im Bett. Wie selbstverständlich entledigte er sich
seiner Kleidung und stieg in Boxershorts in ihr Bett. Sie ging ins Bad, putzte
sich die Zähne und wußte nichts so recht mit dieser merkwürdigen Situation
anzufangen. Nun ja, sie hatte ihm sicherlich Signale gegeben und Interesse signalisiert,
aber er war nie darauf eingegangen. In ihrem Kopf freute sie sich darauf,
seinem trainierten Körper etwas nahe zu kommen und in den großen, muskulösen
Armen einschlafen zu können.
Als sie ins Zimmer kam, lag er
mit geschlossenen Augen unter einer Bettdecke und regte sich nicht. Sie legte
sich auf die andere Seite und machte das Licht aus. Mehr wird wohl nicht
passieren heute, auch gut, dachte sie sich. Vielleicht war er aber auch einfach
nur zu faul, um zu so später Stunde noch heimzufahren?
Nach ein paar Minuten in dem
leicht dunklen Zimmer drehte er sich ihr zu und begann, sie zu küssen. Aha, nun
also doch. Seine Haut war wunderbar weich und sie spürte seine Muskeln. Doch im
Endeffekt ging alles ganz schnell. In der heutigen Zeit scheinen Männer zu
glauben, es wäre angebracht, den Kopf sofort eine Etage tiefer zu stecken, um
die Frau zu beglücken, doch irgendwie wurde schnell deutlich, dass er weder
beim Küssen noch in tieferen Regionen besonders bemüht oder leidenschaftlich
war. Sie konnte es kaum glauben, dass so ein schöner, durchtrainierter Mann so viel
Lustlosigkeit an den Tag legte. Plötzlich hörte er auf, legte sich neben sie
und sagte: „Ich glaub, ich will lieber schlafen!“ Er drehte sich um und schlief
ein.
In diesem Moment lag sie mit einem großen Fragezeichen im und vielen
Stirnfalten am Kopf neben ihm und fand die gesamte Situation nicht nur
unbefriedigend, sondern seltsam und unnötig. Sie dachte darüber nach, ob der
trainierte Körper überfordert war, er Anabolika nahm und sich deshalb in seiner
unteren Region wirklich zu keiner Zeit etwas getan hatte. Kurze Zeit tat er ihr
leid. Verständlich war die Situation jedenfalls nicht. Sehr früh am Morgen
klingelte sein Wecker, er stand auf, zog sich an und verabschiedete sich mit
einem Kuss. Sie legte sich einfach wieder hin und versuchte zu schlafen.
Er meldete sich 3 Tage nicht. Sie
hielt tapfer durch, ihm nicht zu schreiben. Keine netten Gespräche mehr, keine
Zigarettenabende, kein Lachen. Irgendwann wurde es ihr zu bunt und sie fragte
höflich nach, was sie denn nun davon halte könne, dass er sich nicht mehr
meldete. Auch eine Absage, selbst am Tag danach, hätte doch genügt, um zu
wissen, woran man ist, auch wenn es nicht weitergeht. So war sie im Ungewissen
und ärgerte sich. Er musste sich wohl durchringen zu antworten und schrieb ihr
einen Tag später: „Du bist eine tolle Frau, aber irgendwie hat es sexuell nicht
gepasst. Das musst du doch gemerkt haben.“ Ok, sie nahm sowieso an, dass nichts
laufen würde und er hielt ihr nun vor, es passe nicht? Männerdenken. Aber sie
schrieb ihm noch zurück: „Ich weiß zwar nicht, woran du das festmachst, weil
wir nie darüber gesprochen haben, was dem anderen gefällt – geschweige denn
dies ausprobiert, aber ich kann dir sagen, dass ich noch nie einen so lustlosen
Mann wie dich in meinem Bett hatte.“ Vielleicht hat die nächste Dame ja mehr
Glück. Ein schöner Körper allein reicht eben doch nicht, Mädels. Dabei hätte er
doch so schön ihre Fenster leichtbekleidet putzen können…
Vielen Dank für diese Geschichte!
