Sonntag, 14. Februar 2016

Der Bezaubernde

Nach einigen Jahren als Single und immer mit der Frage im Kopf: „Kommt da noch einer und wenn ja, woher?“ sprach ihr die Bekannten gut zu: „Versuchs doch mal, bei mir hats doch auch funktioniert.“ Versuchen bedeutete, sich doch bei einem anderen Online-Portal für wahrscheinlich niveauvolle Single aus der Umgebung anzumelden und wenn es funktionierte, wäre sie genauso glücklich wie ihre Kollegin, die dort ihren jetzigen Freund kennengelernt hatte.

Nach einer Reihe von Dates mit Deppen, Neurotikern, Idioten und Lustmolchen stellte sich sie die Frage, ob sie diesen Versuch noch einmal wagen sollte, immer mit dem Hintergedanken: Aber was ist wenn es doch wieder eine Enttäuschung ist, was ist wenn sie wieder verletzt wird und leiden muss?
Ganz nach dem Motto, wer nicht wagt der nicht gewinnt und dem positiven Beispiel ihrer Bekannten im Blick packte sie die Gelegenheit beim Schopfe. Aber sie schwor sich, dass es der absolut letzte Versuch sein sollte, um einen Mann über das World Wide Web kennenzulernen. 

Sie installierte die App und legte los. Wirkte jemand unsympathisch wischte man nach links und lehnte den Mann ab. Ein Wisch nach rechts bedeutete „sieht nett aus“. Das Leben kann so einfach und oberflächlich sein. Ein Wisch und dein Leben könnte sich verändern…oder auch nicht.
Irgendwann hatte sie ein so genanntes Match – das bedeutete, sie und er hatten jeweils nach rechts gewischt (klingt irgendwie so als hätte man zusammen geputzt, was für eine Diskussionsgrundlage für später.)  Es stellte sich heraus dass man sich nett fand und zumindest die gleiche Sprache sprach. Es wurden Handynummern ausgetauscht und die Kommunikation wurde auf einem anderen Kanal weitergeführt. Obwohl er bereits Vater und noch verheiratet war, schreckte sie dies nicht ab. 1. Was erwartet man ab Mitte 30 von Männern? Dass die Schönen und Attraktiven unangetastet warten, dass man sie auf eine Dating-App findet? Kinder sind heutzutage ja kein Problem mehr, man arrangiert sich damit, dass jemand ein Vorleben hat  und ist jemand ein guter Vater wirkt das auf Frauen auch ganz bezaubernd. 2. Er lebte getrennt und war frei für eine neue Bekanntschaft. 

Sie mochte die Art wie er schrieb: locker, frech, sympathisch. Er wollte mehr Bilder sehen, wahrscheinlich um zu sehen ob nicht doch ein Fake hinter diesem netten Gesicht aus dem Onlineprofil steckte.  Da sie sich beide gefielen,  verabredeten sich an einem Donnerstag. Er holte sie ab, ganz Gentleman. Sie freute sich auf diesen Abend und als er vor ihr stand, machte ihr Herz einen kleinen Sprung vor Freude. Es schien sich etwas anzubahnen, denn in den meisten Fällen gehen wir Frauen heutzutage ohne Erwartungen an ein Date, doch er hatte sich bereits in ihr Herz geschlichen. Sie musste vorsichtig sein, da ihre letzten Erfahrungen ihr vieles gelehrt hatten. Aber sie war auch einfach gespannt was sich hinter dem charmanten Mann verbarg.  Er erzählte ihr, dass er eine gewisse Abneigung gegen die öffentlichen Verkehrsmittel hatte. Sie überredete  ihn dennoch, gemeinsam die S-Bahn zu nutzen und so fuhren sie zu einem thailändischen Restaurant im Prenzlauer Berg.
Sie konnte den Blick nicht vom ihm abwenden, er hatte es ihr wirklich angetan und sie begann, sich im Stillen zu fragen, was dieser attraktive Mann von ihr wollte. Ob er auch einen schönen Charakter hatte, stellte sich im Laufe des Abends heraus. Beide erzählten aus ihrem Leben. Sie lachten viel und gingen nach dem Essen noch in eine Bar. Dort verweilten sie so lange bis sie die Letzten waren und schon die Stühle hochgeklappt wurden. Es war ein toller Abend, dachte sie mit Herzchen in den Augen und hoffte auf ein Wiedersehen. 

Es muss wohl kurz vor Mitternacht gewesen sein als sie vor ihrer Tür standen und sich verabschiedeten. Sie war sich unsicher, ob sie ihn umarmen sollte oder nur die Hand geben. Das klärte sich, sie hatte beiden das Bedürfnis, sich zu umarmen und dann ging er. Wie in Zeitlupe stand sie da, lies den Abend Revue passieren und schaute ihm nach als er plötzlich noch einmal zurück kam und sie küsste. Es ist einer dieser Momente, die uns klar machen, dass man sich auf jeden Fall wiedersieht. Es war magisch und romantisch, es hätte nur noch anfangen müssen zu regnen und es wäre wie im Film. Dann ging er und sie stand gedankenverloren, aber glücklich vor ihrer Haustür.
Und sie fragte sich: „Wo der Haken ist? Wie kann es sein dass man nach so langer Zeit wieder ein vernünftiges Date hatte?“  Irgendwas war doch immer.

Tatsächlich hatte er wohl Sorgen, dass die Chemie nicht stimmen könnte, aber das Gefühl hatte sie nach diesem Abend ganz und gar nicht, sie fühlte sich wohl  und so trafen sie sich ein weiteres Mal diesmal bei ihr zu Hause. (Ja, wir Frauen wissen um diese Gefahr: Zuhause heißt immer: es geht ums Ganze. Es wird privat. Es könnte was passieren. Bei den Herren der Schöpfung mit weniger Einfühlungsvermögen, einer ausgeprägten Libido und einem dumpfen Fleck im Kopf gibt es sogar die Gleichung „Treffen zuhause = Sex“. Cool, fahr ich mal los und benutze Deo.) In diesem Fall aber, war es ihr ein Anliegen, ihn in ihr Leben zu lassen und in einem vertrauten Raum mit ihm allein zu sein und sich wohlzufühlen.
Sie redeten, sahen sich an und das Bauchgefühl entschied. Aus einem Kuss wurden viele weitere und daraus wiederum das Gefühl sich sehr nahe kommen zu wollen. Sie schliefen miteinander. Aber sie hatte Angst, Angst vor Enttäuschung, Angst, dass dieser wunderbare Mann wieder nur einer von vielen werden würde, dass sie nur wieder eine von vielen war, dass diese Verbindung nicht blieb oder wachsen könnte. Er spürte wohl, dass sie währenddessen nicht bei der Sache war und sich nicht fallen lassen konnte. Sie hatte Angst sich zu verlieren, dass es falsch war schon nach so kurzer Zeit so weit zu gehen. Aber verdammt!! sie wollten es genau in diesem Moment beide und seine Nähe war so schön und das Gefühl so warm…Sie wollte ihn unbedingt spüren, mit Haut und Haaren. 

Sie trafen sich danach noch mal und noch mal, aber diese Furcht wollte sich einfach nicht abstellen lassen und er schaffte es nicht sie zu befriedigen… Sie wollte mehr und sie hatte Angst, er fühlte nicht genauso. Ihre Unsicherheit beeinflusste die Treffen. Sie wusste nicht, woran sie war, aber sie wusste, was sie wollte.
Und bei ihrem einzigen Telefongespräch, welches sie nach ein paar Tagen hatten, war er anders - abwesend, reserviert. Vielleicht lag es auch daran, dass er im Auto unterwegs war, aber so ein komisches Gefühl machte sich in ihr breit. Die Intuition einer Frau lässt sie in solchen Fällen nicht im Stich denn er schrieb ihr: Er mag sie, aber der Funke ist nicht so recht übergesprungen. Aber man könnte sich ja doch weiterhin sehen.
„Der Funke springt nicht über.“ ist eine mittlerweile gängige Absage, um den anderen nicht zu verletzen, aber auch nicht im Dunkeln zu lassen über mögliche Gefühle. Es ist sozusagen die Allzweckwaffe des Online-Datings, wenn es mal doch nicht so hinhaut. Es sagt aber gar nichts aus, nur: ich spüre nicht das, was ich gern wollte bzw. du gern möchtest. Aber Liebe kommt eben von allein oder nicht.
Seine Nachricht las sie als sie gerade arbeiten war und von einer Sekunde auf die nächste war ihre gute Laune verflogen, es traf sie und ihr Bauch hatte recht behalten….Sie schrieb ihm, was ihr einige Stunden vorher durch den Kopf ging: bei ihr war es anders, er war ihr wichtig und sie fühlte sich sehr zu ihm hingezogen und nicht nur körperlich. Sie schrieb ihm alles, was ihr durch den Kopf ging und gab ihm eine ehrliche Rückmeldung.  Traurig zog sie sich mal wieder in ihr Schneckenhaus zurück. Es war Funkstille.

Nach einiger Zeit meldete er sich unverhofft bei ihr und fragte, ob sie sich sehen konnten. Insgeheim hatte sie darauf gehofft, dass ein paar Tage ins Land gingen und er sich bewusst wurde, ob sie ihm fehlte. Ein Schritt auf sie zu und man könnte alle Unstimmigkeiten aus der Welt schaffen. Sie wollte ihn gern sehen und herausfinden, ob es so war, denn er ging ihr nicht aus dem Kopf. Vielleicht war ein Abbruch zu früh und sie müssten sich eine Chance geben. Also trafen sie sich und der Abend war so zauberhaft, dass sie völlig befreit und glückselig mit ihm schlief. Ihr Geschenk war in dieser Nacht  ihr erster multipler Orgasmus.
Ob es weitergeht oder nicht…die Zeit wird es zeigen…
Vielleicht ist dies der Anfang einer kleinen Liebesgeschichte. Das Ende halten wir hier offen, die Hoffnung soll bleiben. Das Credo lautet: „Nicht hoffen, nicht erwarten, nicht befürchten…Ist das der Schlüssel zum Glück?“
Aber Ihr Vorsatz lautet: keine Onlinedates mehr.

Vielen Dank für diese Geschichte zum Valentinstag!

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