Sonntag, 6. November 2016

Der Oberflächliche


Es war einmal eine Singlefrau, die einen Sonntagnachmittag damit verbrachte, einige Profile auf einer Dating App zu inspizieren, weil sie ein wenig Langeweile hatte. Nach einer Vielzahl von nicht ansprechende Profilen, blieb sie bei einem jungen Mann hängen, der auf den ersten Blick gar nicht in ihr Beuteschema fiel. Dennoch war sein Profil so ansprechend, unterhaltsam und direkt geschrieben, dass sie nicht drum rum kam, ihm für dieses außerordentlich sympathische Profil zu beglückwünschen. Im Schmelztiegel der einfallslosen und wenig Worten behafteten Profile war dies ein Lichtblick in der kleinen Online Dating Welt.
Zu ihrem Glück antwortete er und es ergab sich eine durchaus anregende und sehr lustige Konversation, die über einige Stunden anhielt und unglaublich viele Gemeinsamkeiten zu Tage förderte. Nicht nur, dass sie ähnlich hießen, sie waren auch in der gleichen Gegend aufgewachsen, hatten die selben Werte vermittelt bekommen und die Hobbies konnten fast ähnlicher nicht sein. Es gab eine hervorragende Ebene, um sich besser kennenzulernen. Er tummelte sich nicht so oft auf der Plattform und antwortete zumindest jeden Tag einmal, um sich nicht den Fängen des Online Datings auszuliefern.

Nach einigen Tagen tauschte man Nummern aus und wechselte von der Online Kommunikation auf die mobile Variante. Meistens passiert es, dass die Kommunikation weniger wird, wenn man wechselt. Zumindest ist dies ein Erfahrungswert, mit dem man rechnen muss. Er wurde auch ungeduldiger, sie zu treffen, aber innerhalb der Woche war es schwierig da er nicht direkt in der selben Stadt wohnte. Durch einige Terminüberschneidungen und Urlaub kam es nicht schnell dazu, dass sie sich zu einem Treffen verabredeten. Er schilderte auch seine Bedenken, dass je länger sich das Treffen verzögern würde desto schwieriger wäre es für ihn "dranzubleiben", aber er wollte "alles geben". Nun ja. Also zog sich die regelmäßige Kommunikation über 3 Wochen. Nachdem das erste Treffen aufgrund eines wichtigen Zwischenfalls von ihm verschoben werden musste, wollte man zumindest die Stimme des anderen einmal hören. Also verabredeten sie sich dann zum Telefonieren und zwar sogar auf dem Festnetz! Wo gibt's das heutzutage noch? Oldschool, aber gut. Er begründete dies damit, dass man dann wirklich zuhause wäre und sich auf das Telefonat konzentrieren kann. Womit er nun mal Recht hat. Das Telefonat dauerte 3 Stunden ohne Pausen und mit viel Witz und Charme. Er fand es wunderbar, dass die Zeit so verflog und man sich soviel zu sagen hatte, schrieb er ihr danach. Schon am Telefon sagte er, dass sie gern ein Treffen am Sonntag ausmachten konnten, er aber noch einmal seinen Terminkalender checken würde.

Einige Tage vor dem Treffen vergewisserte sie sich noch einmal, ob Zeit und Ort gleich bleiben würden und bekam eine Antwort, die jeden sprachlos machen würde. Diese lange ausgefeilte Nachricht begann mit den Worten: "Sorry, das tut jetzt gleich ein bißchen weh!" Wenn du diesen Satz liest, hast du eigentlich gar keine Lust mehr weiterzulesen, aber es könnte ja alles passiert sein...man weiß ja nie.
Es sollte nicht mehr zu einem persönlichen Treffen kommen. Er entschuldigte sich, dass er erst jetzt damit rausrückte, aber er hatte ein Problem: sie war sympathisch, charmant, witzig, eine "coole Socke", aber sie war einfach nicht sein Typ und er ein oberflächliches Arschloch, wie er selbst schrieb. Nun hatte er sich 3 Wochen lang bemüht über einiges an Äußerlichkeiten hinwegzusehen und zu hoffen, es würde doch klappen, aber es funktionierte einfach nicht. Und er sagte ihr auch wieso:
1. sie hatte blonde Haare! Für ihn kamen aber nur brünette Frauen infrage, da er sonst "eine Lüge leben würde" (Zitat!).
2. sie trug eine Brille und damit wirkte sie auch noch intelligent und er wollte gern eine Frau haben, der er noch was beibringen kann.

3 Wochen verschwendete Zeit für einen Vollpfosten. Ich glaube, mehr muss man dazu nicht sagen.
Sie hat sich jedenfalls nicht die Haare gefärbt oder mit diesem "Märchenprinzen" weiterhin Kontakt.

Vielen Dank für diese Geschichte!

Sonntag, 13. März 2016

Der Kusserzieher

Nachdem sie sich auf einer Datingapp kennengelernt hatten und er sie dazu bewog, auch einmal einen etwas jüngeren Mann kennenzulernen, verabredeten sie sich auf ein Bier. Die Unterhaltung war gut, er war nicht besonders spektakulär, aber höflich und nett auszusehen. Ihre Absicht war es schlichtweg einen netten Abend mit witzigen Gesprächen zu erleben. Auch, wenn es manchmal einige Pausen im Gesprächsfluss gab, lag es schlicht an ein paar unterschiedlichen Lebensentwicklungspunkten. Sie lachten, scherzten, tranken.

Am Ende des Abends machten sie sich gemeinsam auf den Weg zur S-Bahn. Plötzlich blieb er stehen, schaute sie erwartungsvoll an und bot ihr als sie sich näher kamen einen Kaugummi an, um "fortzufahren"...Nun, gegen einen kleinen Kuss gab es nichts einzuwenden, aber vorher extra einen Kaugummi zu kauen, um sich darauf vorzubereiten, zumal niemand geraucht hatte, kam ihr etwas komisch vor. Für den Moment war der Kuss aber passend. Dann stiegen sie gemeinsam in die S-Bahn und fuhren in dieselbe Richtung. Als sie an ihrer Haltestelle ankam, wollte sie sich verabschieden, doch er stieg einfach mit aus und sagte: "Spricht doch nichts dagegen. Wir verstehen uns und ich habe noch Zeit." sagte er. Dennoch gab er sogleich zu verstehen, dass er lediglich auf ein Gespräch und etwas Kuscheln mit zu ihr kommen wollen würde. In dem Moment war es für sie willkommen, sie hatte weder Erwartungen noch etwas zu verlieren.

Sie fuhren also zu ihr und knüpften am Gespräch an. Irgendwann begannen sie, sich zu küssen, doch diesmal war es anders...er sagte: "Mach mal ruhig. Komm mal runter." Sowas hatte sie vorher noch nie gehört, da sie eine romantische, aber leidenschaftliche Frau war, die niemanden überrumpelte. Er sagte, er wollte ihr gern zeigen, wie er es mochte und sie war gespannt. Ihm gefiel es, wenn die Frau seine Lippen nicht richtig berührte, sondern nur leicht behauchte und auch der Zungenkuss war in seiner Welt anders als bekannt....er spielte nur rum, zog ihr an den Haaren, wenn sie ihm zu nahe kam, nahm ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger, um sie zu führen und kontrollierte jeder ihrer Bewegungen. Er lachte, leckte ihre Lippen und sie fand es einfach furchtbar und unnötig. Es war wie in einem schlechten Film und er wollte gern die Zügel in der Hand behalten. Sie hoffte, dies wäre nur eine Episode, die ihm vielleicht abgewöhnt werden könnte, wenn sie sich wiedersehen sollten, wenn... Es war einfach nur anstrengend, unangenehm und wenig zärtlich oder romantisch.  

Auch hier könnte man wieder den Bogen schlagen zu einer Folge von SATC - "Der schlechte Küsser". Wollte er mal ein bißchen rumtesten? War er wirklich der Meinung, dies könnte einer Frau gefallen? 
Wie versprochen, ging er nach dem Küssen nach Hause. Er verabschiedete sich und sie sahen sich nie wieder. Sie war nicht traurig darüber. Im Grunde war es ja als wäre er nie da gewesen und das Kuss-Seminar wollte in keiner Weise für sie zertifiziert werden. Auf seinem Zeugnis würde definitiv eine 6 stehen.

Vielen Dank für diese Geschichte!

Sonntag, 14. Februar 2016

Der Bezaubernde

Nach einigen Jahren als Single und immer mit der Frage im Kopf: „Kommt da noch einer und wenn ja, woher?“ sprach ihr die Bekannten gut zu: „Versuchs doch mal, bei mir hats doch auch funktioniert.“ Versuchen bedeutete, sich doch bei einem anderen Online-Portal für wahrscheinlich niveauvolle Single aus der Umgebung anzumelden und wenn es funktionierte, wäre sie genauso glücklich wie ihre Kollegin, die dort ihren jetzigen Freund kennengelernt hatte.

Nach einer Reihe von Dates mit Deppen, Neurotikern, Idioten und Lustmolchen stellte sich sie die Frage, ob sie diesen Versuch noch einmal wagen sollte, immer mit dem Hintergedanken: Aber was ist wenn es doch wieder eine Enttäuschung ist, was ist wenn sie wieder verletzt wird und leiden muss?
Ganz nach dem Motto, wer nicht wagt der nicht gewinnt und dem positiven Beispiel ihrer Bekannten im Blick packte sie die Gelegenheit beim Schopfe. Aber sie schwor sich, dass es der absolut letzte Versuch sein sollte, um einen Mann über das World Wide Web kennenzulernen. 

Sie installierte die App und legte los. Wirkte jemand unsympathisch wischte man nach links und lehnte den Mann ab. Ein Wisch nach rechts bedeutete „sieht nett aus“. Das Leben kann so einfach und oberflächlich sein. Ein Wisch und dein Leben könnte sich verändern…oder auch nicht.
Irgendwann hatte sie ein so genanntes Match – das bedeutete, sie und er hatten jeweils nach rechts gewischt (klingt irgendwie so als hätte man zusammen geputzt, was für eine Diskussionsgrundlage für später.)  Es stellte sich heraus dass man sich nett fand und zumindest die gleiche Sprache sprach. Es wurden Handynummern ausgetauscht und die Kommunikation wurde auf einem anderen Kanal weitergeführt. Obwohl er bereits Vater und noch verheiratet war, schreckte sie dies nicht ab. 1. Was erwartet man ab Mitte 30 von Männern? Dass die Schönen und Attraktiven unangetastet warten, dass man sie auf eine Dating-App findet? Kinder sind heutzutage ja kein Problem mehr, man arrangiert sich damit, dass jemand ein Vorleben hat  und ist jemand ein guter Vater wirkt das auf Frauen auch ganz bezaubernd. 2. Er lebte getrennt und war frei für eine neue Bekanntschaft. 

Sie mochte die Art wie er schrieb: locker, frech, sympathisch. Er wollte mehr Bilder sehen, wahrscheinlich um zu sehen ob nicht doch ein Fake hinter diesem netten Gesicht aus dem Onlineprofil steckte.  Da sie sich beide gefielen,  verabredeten sich an einem Donnerstag. Er holte sie ab, ganz Gentleman. Sie freute sich auf diesen Abend und als er vor ihr stand, machte ihr Herz einen kleinen Sprung vor Freude. Es schien sich etwas anzubahnen, denn in den meisten Fällen gehen wir Frauen heutzutage ohne Erwartungen an ein Date, doch er hatte sich bereits in ihr Herz geschlichen. Sie musste vorsichtig sein, da ihre letzten Erfahrungen ihr vieles gelehrt hatten. Aber sie war auch einfach gespannt was sich hinter dem charmanten Mann verbarg.  Er erzählte ihr, dass er eine gewisse Abneigung gegen die öffentlichen Verkehrsmittel hatte. Sie überredete  ihn dennoch, gemeinsam die S-Bahn zu nutzen und so fuhren sie zu einem thailändischen Restaurant im Prenzlauer Berg.
Sie konnte den Blick nicht vom ihm abwenden, er hatte es ihr wirklich angetan und sie begann, sich im Stillen zu fragen, was dieser attraktive Mann von ihr wollte. Ob er auch einen schönen Charakter hatte, stellte sich im Laufe des Abends heraus. Beide erzählten aus ihrem Leben. Sie lachten viel und gingen nach dem Essen noch in eine Bar. Dort verweilten sie so lange bis sie die Letzten waren und schon die Stühle hochgeklappt wurden. Es war ein toller Abend, dachte sie mit Herzchen in den Augen und hoffte auf ein Wiedersehen. 

Es muss wohl kurz vor Mitternacht gewesen sein als sie vor ihrer Tür standen und sich verabschiedeten. Sie war sich unsicher, ob sie ihn umarmen sollte oder nur die Hand geben. Das klärte sich, sie hatte beiden das Bedürfnis, sich zu umarmen und dann ging er. Wie in Zeitlupe stand sie da, lies den Abend Revue passieren und schaute ihm nach als er plötzlich noch einmal zurück kam und sie küsste. Es ist einer dieser Momente, die uns klar machen, dass man sich auf jeden Fall wiedersieht. Es war magisch und romantisch, es hätte nur noch anfangen müssen zu regnen und es wäre wie im Film. Dann ging er und sie stand gedankenverloren, aber glücklich vor ihrer Haustür.
Und sie fragte sich: „Wo der Haken ist? Wie kann es sein dass man nach so langer Zeit wieder ein vernünftiges Date hatte?“  Irgendwas war doch immer.

Tatsächlich hatte er wohl Sorgen, dass die Chemie nicht stimmen könnte, aber das Gefühl hatte sie nach diesem Abend ganz und gar nicht, sie fühlte sich wohl  und so trafen sie sich ein weiteres Mal diesmal bei ihr zu Hause. (Ja, wir Frauen wissen um diese Gefahr: Zuhause heißt immer: es geht ums Ganze. Es wird privat. Es könnte was passieren. Bei den Herren der Schöpfung mit weniger Einfühlungsvermögen, einer ausgeprägten Libido und einem dumpfen Fleck im Kopf gibt es sogar die Gleichung „Treffen zuhause = Sex“. Cool, fahr ich mal los und benutze Deo.) In diesem Fall aber, war es ihr ein Anliegen, ihn in ihr Leben zu lassen und in einem vertrauten Raum mit ihm allein zu sein und sich wohlzufühlen.
Sie redeten, sahen sich an und das Bauchgefühl entschied. Aus einem Kuss wurden viele weitere und daraus wiederum das Gefühl sich sehr nahe kommen zu wollen. Sie schliefen miteinander. Aber sie hatte Angst, Angst vor Enttäuschung, Angst, dass dieser wunderbare Mann wieder nur einer von vielen werden würde, dass sie nur wieder eine von vielen war, dass diese Verbindung nicht blieb oder wachsen könnte. Er spürte wohl, dass sie währenddessen nicht bei der Sache war und sich nicht fallen lassen konnte. Sie hatte Angst sich zu verlieren, dass es falsch war schon nach so kurzer Zeit so weit zu gehen. Aber verdammt!! sie wollten es genau in diesem Moment beide und seine Nähe war so schön und das Gefühl so warm…Sie wollte ihn unbedingt spüren, mit Haut und Haaren. 

Sie trafen sich danach noch mal und noch mal, aber diese Furcht wollte sich einfach nicht abstellen lassen und er schaffte es nicht sie zu befriedigen… Sie wollte mehr und sie hatte Angst, er fühlte nicht genauso. Ihre Unsicherheit beeinflusste die Treffen. Sie wusste nicht, woran sie war, aber sie wusste, was sie wollte.
Und bei ihrem einzigen Telefongespräch, welches sie nach ein paar Tagen hatten, war er anders - abwesend, reserviert. Vielleicht lag es auch daran, dass er im Auto unterwegs war, aber so ein komisches Gefühl machte sich in ihr breit. Die Intuition einer Frau lässt sie in solchen Fällen nicht im Stich denn er schrieb ihr: Er mag sie, aber der Funke ist nicht so recht übergesprungen. Aber man könnte sich ja doch weiterhin sehen.
„Der Funke springt nicht über.“ ist eine mittlerweile gängige Absage, um den anderen nicht zu verletzen, aber auch nicht im Dunkeln zu lassen über mögliche Gefühle. Es ist sozusagen die Allzweckwaffe des Online-Datings, wenn es mal doch nicht so hinhaut. Es sagt aber gar nichts aus, nur: ich spüre nicht das, was ich gern wollte bzw. du gern möchtest. Aber Liebe kommt eben von allein oder nicht.
Seine Nachricht las sie als sie gerade arbeiten war und von einer Sekunde auf die nächste war ihre gute Laune verflogen, es traf sie und ihr Bauch hatte recht behalten….Sie schrieb ihm, was ihr einige Stunden vorher durch den Kopf ging: bei ihr war es anders, er war ihr wichtig und sie fühlte sich sehr zu ihm hingezogen und nicht nur körperlich. Sie schrieb ihm alles, was ihr durch den Kopf ging und gab ihm eine ehrliche Rückmeldung.  Traurig zog sie sich mal wieder in ihr Schneckenhaus zurück. Es war Funkstille.

Nach einiger Zeit meldete er sich unverhofft bei ihr und fragte, ob sie sich sehen konnten. Insgeheim hatte sie darauf gehofft, dass ein paar Tage ins Land gingen und er sich bewusst wurde, ob sie ihm fehlte. Ein Schritt auf sie zu und man könnte alle Unstimmigkeiten aus der Welt schaffen. Sie wollte ihn gern sehen und herausfinden, ob es so war, denn er ging ihr nicht aus dem Kopf. Vielleicht war ein Abbruch zu früh und sie müssten sich eine Chance geben. Also trafen sie sich und der Abend war so zauberhaft, dass sie völlig befreit und glückselig mit ihm schlief. Ihr Geschenk war in dieser Nacht  ihr erster multipler Orgasmus.
Ob es weitergeht oder nicht…die Zeit wird es zeigen…
Vielleicht ist dies der Anfang einer kleinen Liebesgeschichte. Das Ende halten wir hier offen, die Hoffnung soll bleiben. Das Credo lautet: „Nicht hoffen, nicht erwarten, nicht befürchten…Ist das der Schlüssel zum Glück?“
Aber Ihr Vorsatz lautet: keine Onlinedates mehr.

Vielen Dank für diese Geschichte zum Valentinstag!

Sonntag, 17. Januar 2016

Der Doktor


Auch dieses Exemplar wurde über ein Onlineforum entdeckt oder besser gesagt, er entdeckte sie und lies gleich anklingen, dass er noch nicht lang auf dem Forum aktiv war, sie ihm aber gleich auffiel. Ein Standardeinstieg, aber ok, sie ließ sich darauf ein. Was sie verband, war die Feststellung, dass sie gebürtig aus der gleichen Gegend stammten. So hatte man gleich genug Anknüpfungspunkte. Der musste doch in Ordnung sein, dachte sie sich. Sein Lebenslauf las sich tadellos: ausgebildeter Chirurg, der u.a. in den USA studierte. Bei diesen Eckdaten zu seinem Beruf bleib es, wobei ihr dies genügte. Er wollte sie unbedingt treffen. Ein gutaussehender Doktor im besten Alter – das konnte sie sich nicht entgehen lassen. Also verabredeten sie sich.
Kurz vor dem Date schrieb er ihr, dass er nervös war und nicht wußte, was er anziehen solle…verkehrte Welt? Das war doch eigentlich das Standardprogramm einer Frau? Nun gut, wir sind wohl wirklich zu emanzipiert…der Mann wollte Beratung, denn er schickte ein Foto von sich, in dem Outfit, was in der engeren Auswahl stand. Eines war beim dem Anblick klar: sein Outfit in rosa und weiß würde es auf jeden Fall einfach machen, ihnen beim ersten Date direkt zu erkennen. Farben, die kein Mann braucht. Ein rosa Hemd mit einer weißen Leinenhose – das Klischee sprang ihr ins Gesicht und sie wünschte, es prallte wieder ab. Aber sie äußerte ihre Gedanken ihm gegenüber nicht. Jeder hat mal eine Outfitverirrung.

Punkt 19 Uhr leuchtete er in rosa und weiß in dem Park, in dem sie sich verabredet hatten und sie freuten sich (machte das Outift aber nicht besser, nun ja, wir wollen mal nicht oberflächlich sein). Sie kauften sich etwas zu trinken und schlenderten durch den Park. Grundsätzlich hatte sie das Wort und er hörte aufmerksam zu. Von sich gab er wenig preis. Und obwohl die Zeit wie im Fluge verging, erfuhr sie nur über ihn, dass sie nicht weit voneinander entfernt wohnten und er ein Workaholic war. Außerdem war er älter als er im Onlineforum angab (dieses Phänomen ist bei vielen Männern im Online Business bekannt: ich mache mich einfach jünger als ich bin denn ich sehe ja auch so aus. Blöd nur, liebe Männer, dass es den Frauen scheißegal ist, denn wer einmal lügt….).
Plötzlich kam er auf ein Thema zu sprechen, was ihm besondere Freude bereitete: seine Faible für natürliche Frauen. Klingt simpel und sympathisch….aber wir sind ja hier beim Online Date. Also führte er ausführlich seine Vorlieben für übermäßige Körperbehaarung bei Frauen sowie intensive Gerüche und Körperflüssigkeiten aus. Er liebte die Natürlichkeit in Gänze – vor allem beim Liebesspiel. (Und da wären wir wieder, liebe Frauen: wie romantisch, denken sie sich? Ja, natürlich, das möchten wir hören beim ersten Date! Obwohl wir vor dem Treffen sicher bewusst unsere Achseln rasiert haben, weil wir uns so wohler fühlen. Und darüber hinaus: möchte ich das beim ersten Date wissen? Möchte ich es überhaupt wissen? War ich aus Versehen bei einem „speziellen“ Online Forum angemeldet? Nein.) Sie teilte jedenfalls seine Vorlieben in der Hinsicht nicht.

Dennoch machte er bereits deutlich, dass er sich an diesem Abend mehr vorstellte als nur ein nettes Gespräch. Die Stunden vergingen und sie beschloss, das Spielfeld zu verlassen da sich seine Gespräche jetzt ausschließlich um seine sexuellen Interessenten drehten. Hier stellte sie mal wieder fest, dass es einfach war, einen Mann für eine Nacht über Online Dating zu finden, aber für mehr war die Männerwelt wohl leider nicht zu haben.
Sie war müde und sagte es ihm auch. Außerdem hatte sie keine Lust weiter zuzuhören. Das Date entwickelte sich zu einem schlechten Erotik-Hörbuch und sie wollte gern auf Stopp drücken. Er fand es schade, dass sie gehen wollte und versuchte, sie zu einem letzten Kaffee zu überreden doch sie winkte ab. Sie gingen gemeinsam los. „Es wäre doch wirklich schade, wenn du heute nicht mit zu mir kommen würdest!“ sagte er. Aber nein, sie hatte genug und verabschiedete sich.
Am nächsten Morgen sendete sie ihm einen Gruß, um kurz eine Meldung zu geben. Daraufhin erhielt sie folgende Antwort: "Es ist wie es ist. Aber bislang wußte ich nicht, wie man sich fühlt, wenn man an einem Wochenendabend (Freitag) nach Hause geschickt wird. Ist mir noch nicht passiert. Jetzt weiß ich es, aber das wird mir nicht mehr passieren!“ Autsch, da war wohl das Doktor-Ego etwas angekratzt…kein Schuss beim ersten Date! Sehr traurige Geschichte!

Einige Monate später tummelte sich eine Freundin von ihr auf einer Online Dating Website rum und entdeckte ein Foto von einem Mann, der ihr bekannt vorkam. Er schrieb ihr: „Ich bin noch nicht so lange hier, aber du bist mir gleich aufgefallen…“ Sie machte ein Foto davon und schickte es ihrer Freundin mit den Worten: „Sag mal, ist das nicht „dein“ Doktor?“ Ja. Da war er wieder, ganz in weiß…aber aufgetragenes Weiß geht schon mal gar nicht!

Vielen Dank für diese Geschichte.